Am Montag ist jemand mit einem LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren. Irgendjemand. Seine Absicht war es, Menschen zu töten. Das hat er auch geschafft. Zwölf Menschen sind nun tot – und Dutzende verletzt. Zwölf Familien sind in Trauer. Er hat ihnen das schlimmste aller Weihnachtsfeste beschert.

Er wollte das Fest der Liebe zu einem Fest des Hasses machen. Eines hat er aber nicht berücksichtigt: Berlin ist schon oft zum Schauplatz des Bösen geworden. Das sieht man an auch an der Außenhaut der Gedächtniskirche. Ihr Dach ist weggebombt. Die Fassade zeigt Spuren von Schrapnellen. Das hat man so gelassen, um daran zu erinnern, was hier alles an Bösem gewaltet hat. Ein Mahnmal.

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Jeder Sender und jede Zeitung hat dies nun in die Welt hinausgetragen. Alle Redaktionen zeigen die Gedächtniskirche so wie sie ist und immer bleiben wird. Er hat zwölf Menschen getötet. Das ist tragisch und unverzeihlich. Aber er hat nicht erreicht, was er wollte.

Mich beeindruckt er nicht. In Berlin sterben an jedem Tag ein Dutzend Menschen. Ich gehe morgen wieder zum Weihnachtsmarkt.  (Jakob G., Berliner)

Was denkt sich ein Mörder dabei, wenn er erfährt, dass sein Opfer ein guter Mensch gewesen ist? Wenn er begreift, dass er jemand war, der ihm nichts getan hat? Ein Mann, der an seinem letzten Arbeitstag in diesem Jahr auf dem Weg nach Hause war und noch schnell ein Weihnachtsgeschenk für seine Frau kaufen wollte. Kann es wirklich das Ziel eines Menschen sein, dies zu verhindern?

Gebt diesem Hurensohn meine Adresse. Er soll zu mir kommen.
(Timur G., Berliner)

Der Berliner versteckt sich nicht zu Hause und verweilt in Furcht. Der Berliner geht weiterhin auf den Weihnachtsmarkt. Diese Untat hat ihn nicht beeindruckt. Ja, sie hat uns traurig gemacht. Bald hat man einen Namen des Täters. Den will aber keiner wissen. Wie seine Vorgänger wird auch dieser irgendwo in irgendwelchen Schubladen abgelegt. Mehr Platz soll er nicht in unserer Gesellschaft finden.

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Wir denken lieber an die Opfer und ihre Familien. Sie sind nicht alleine gestorben, diesen Gefallen tun wir ihm nicht. Zu ihrem Andenken versammeln wir uns in der Gedächtniskirche. Und fügen am Ort ihres Ablebens ihren Namen die eigenen hinzu. Wir alle hätten vorgestern an diesem Markt stehen können. Wir alle stehen nun gemeinsam an diesem Markt.

 

Bilder: Astrid Winterfeld, Hammed Khamis

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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