„Vereinzelt springen Terroristen über Wiesen. Wie chic. Die Fotoapparate sind gezückt.
Die alten Bürgerseligkeiten sprießen, die Rettung, Freunde, ist geglückt.
Die Schüler schleimen wieder um die Wette. Die Denker lassen Drachen steigen.  
Utopia onaniert im Seidenbette, die Zeiten stinken, und die Dichter schweigen.“

Wie alt die hier zitierten Zeilen von Konstantin Wecker sind, verrät allenthalten die Schreibung des ehemaligen Fremdworts „chic“. Vielleicht ist es ein Zugeständnis an die Verschriftlichung unserer Populärkultur durch Riesen wie Google und Amazon, dass man heute eher nach „schicken“ denn nach „chicen“ Schuhen sucht. Inhaltlich ist es jedenfalls kaum zu erkennen, dass wir es hier mit einem echten Oldie zu tun haben, dessen Veröffentlichung sich bereits zum 40. Male jährt.

Weckers Zeilen, die freilich die bayerische Politik der späten Siebziger adressierten, besitzen eine unangenehm gruselige Aktualität. Terroristen, alte Bürgerseligkeiten, politisch sedierte Schüler und ein Vakuum an Visionen – willkommen im Bundestagswahlkampf 2017. Das Lied mit dem Titel „Es herrscht wieder Frieden im Land“ erinnert uns daran, dass die Abwesenheit von Konflikten nicht immer Anlass zur Freude sein muss. Gerade, wenn die Möglichkeit zum Greifen nah erscheint, alles, aber auch wirklich alles auf den Kopf zu stellen, haftet dem Phänomen der Unaufgeregtheit eine gewisse Hoffnungslosigkeit an.

Man muss kein Fan von Merkel, Gauland oder Wagenknecht sein, um sich auszumalen, dass zwischen den Kabinetten Merkel IV, Gauland I oder Wagenknecht I immense Unterschiede klaffen würden. Die scheinbare Alternativlosigkeit, die demokratischen Wahlen im 21. Jahrhundert so gerne nachgesagt wird – da Bilderberger, Goldman Sachs, die Pharma- oder Waffenlobby ohnehin nur Marionetten für ihre längst erarbeiteten Masterpläne suchten – ist natürlich eine Urban Legend. Ja, die Regierung Tzipras in Griechenland ist ein gutes Beispiel dafür, dass selbst Kommunisten nach einem Wahlsieg konservative Politik durchsetzen – auch gegen die eigene Wählerschaft. Aber: Dies ist wohl eher ein Zeugnis für den Machtwillen einzelner Politiker als für die Fäulnis des demokratischen Systems.

Demokratie funktioniert aber nur so: Wenn die eigene Stimme die Wucht einer Schusswaffe erhält.

Das Sedativum, das der deutschen Wählerschaft (und hier wohl vor allem der stetig wachsenden Partei der Nichtwähler) injiziert worden ist, trägt einen gemeinhin unverdächtigen Namen: Sonntagsfrage. Wer wochenlang erzählt bekommt, welche Koalitionen wahrscheinlich und welche Kanzlerinnen unvermeidlich sind, verspürt rein statistisch wenig Anlass zur Hoffnung, mit seiner Krötenstimme dem Trend der Zeit etwas entgegenzusetzen. Demokratie, und das ist der Clou, funktioniert aber nur so: Wenn die eigene Stimme die Wucht einer Schusswaffe erhält.

Merkel bleibt Kanzlerin, die AfD kommt in den Bundestag, Lindner wird irgendwie mitregieren und die Linke sicher nicht: Wer im Wald dieser Glaubenssätze, die längst die Wirkung von Self-fulfilling Prophecies entfalten, noch Lust auf eigenes Engagement verspürt, sprengt wohl auch nach dem Regen seinen Garten. Demokratie ist, wenn alles möglich scheint, wenn es Grund zur Hoffnung, Grund für mein Eingreifen gibt. Diktatur entsteht immer dann, wenn das, was gesagt wird, keinen Widerspruch mehr erfährt.

Zum Abschluss noch ein Bonmot für alle Freunde von Altparteien: Das gute Abschneiden der AfD unter ehemaligen Nichtwählern ist ein interessanter Gegenbeweis für die Vermutung, Weltverschwörungsanhänger glaubten nicht mehr an Wahlen. Wer angesichts von Lügenpresse, Kanzlerdiktatur und Umvolkung noch in das Instrument von Wahlen und Volksentscheiden vertraut, ist wohl eher ein unverbesserlicher Optimist denn ein Totengräber der Demokratie.

„Ich will mich jetzt mit einem runden Weib begnügen, drei Kinder zeugen, Eigenheime pflanzen
und die Menschheit endlich ‚mal um mich betrügen. Wohin denn, Leiden?
Schließ‘ mir, Herr, den Mund. Wirf mir die Augenbinden runter und den Stirnverband.
Es herrscht wieder Frieden im Land.“

 

Bild: Avda / avda-foto.de

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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