Die Türken kommen. Und zwar zum Brandenburger Tor. Gestern haben sich etwa 2000 Deutsch-Türken zu einer Kundgebung in der Hauptstadt versammelt. Gemeinsam demonstrieren sie gegen die Anerkennung des Genozides an den Armeniern. Der Bundestag hat heute fast einstimmig entschieden, in Zukunft auch amtlich von einem „Völkermord“ zu sprechen.

Das mit dem Genozid waren wir nicht.
Das waren die Russen.  (Serkan Y., Demonstrant)

Viele der Teilnehmer der Demonstration vermuten einen politischen Hintergrund hinter dieser historischen Debatte, weil der Westen so vehement darauf drängt. „Die Armenier wollen doch nur unser Geld, wie damals bei den Deutschen, als sie Wiedergutmachungszahlungen leisten mussten.“ Türkische Migranten aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Belgien versinken neben ihren deutschen Kollegen in einem Meer aus rot-weißen Fahnen und jubeln in der Gunst ihres Halbmondes. Man könnte schon fast vom Flair eines nationalen Straßenfestes sprechen.

seinsart | Türkische Demonstranten vor dem Brandenburger Tor

Doch die Fahnen sind nicht allein die Fahnen der Türkei. Unter ihnen verbergen sich auch Fahnen und Wappen der Ülkücüs und der Grauen Wölfe. Zwischendurch sieht man immer mal einen Demonstranten, der sich mit der Wolfsgeste der türkischen Rechtsextremisten vor dem Brandenburger Tor ablichten lässt.

Ich glaube, da sind auch Rocker unter den Demonstranten.
(Rainer P., Kameramann, Redaktion unbekannt)

Eine Gegendemo ist bei einer solchen Veranstaltung unabdingbar. Auf jeden Fall kommen irgendwann irgendwelche rechten Gruppierungen. Immerhin hat die Frau am Mikro eben „Allahu akbar“ gerufen und alle anderen haben es erwidert. Die Kurden haben auch noch ein Wörtchen mitzureden und würden sicherlich gerne ihre Interessen ausdiskutieren. Was ist nur mit den Armeniern?

Wenn ich Türke wäre, dann wäre ich sicherlich einer von ihnen.
(Alexej W., Tourist)

Hals und Beinbruch. Niemand ist gestern agressiv geworden. Und somit ist auch niemand zu Schaden gekommen. Eine Seite drängt die andere Seite dazu, einen Völkermord auf ihr Konto zu nehmen. Doch niemand redet von den Opfern. Warum hat man in all der vorgetäuschten Pietät nicht wenigstens eine Minute an die 1,5 Millionen Opfer dieser Katastrophe gedacht?

seinsart | Türkische Demonstranten vor dem Brandenburger Tor

Türke oder nicht Türke. Täter oder Opferrolle. Es sind dort Menschen getötet und vertrieben worden. Ohne einen Dialog zwischen beiden Seiten ist Frieden ebenso unerreichbar wie die Eindeutigkeit der Geschichte.

Wir Armenier und Türken müssen der Arzt
des jeweils anderen sein.   (Hrant Dink, 2007 ermordet)

Demonstration gegen die geplante Abstimmung im Bundestag über die Anerkennung des „Völkermords an den Armeniern“ am 1. Juni 2016 in Berlin vor dem Brandenburger Tor. Rede einer Demonstrantin: „Wir haben eine Botschaft an das deutsche Parlament: Wir akzeptieren diese Lüge nicht. Wir sind auf der Seite von Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Im Hintergrund das Lied: „Meine Türkei, wir sterben für Dich.“

 

 

Bilder und Film: Hammed Khamis

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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