Alles geht um uns herum kaputt und es liegt vor allem an uns selbst. Wir sind schuld an den Brücken, die wir eingerissen haben, den Abrisshammer noch in der Hand, staubbedeckt, mit blutigen Händen und blutigem Herzen und schauen uns um, zwischen dem Nebel aus Frustration und Staub, und suchen jemanden, den wir dafür verantwortlich machen können. Weil das so einfach ist. Weil das einfach so ist. Weil wir das schon immer so gemacht haben. Und „weil wir nichts dafür können, weil wir Generation Y sind“.

Und weil das so schön bequem ist, einfach übergreifend und von vornherein sagen zu können, dass man nicht schuld ist, geben wir uns auch gar keine Mühe mehr, irgendwas zu ändern. Es gibt kein „Du musst dein Ändern leben“ oder „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!“ oder was es sonst noch alles als Wand- oder Schlüsselbeintattoo gibt – sondern schlichtweg nur noch ein: „Das war ich nicht, das war schon so.“

Statt „Du musst dein Ändern leben“ heißt es heute: „Das war ich nicht, das war schon so.“

Ich höre nur noch „Ich kann nichts dafür, dass ich zugenommen habe, ich esse eigentlich fast immer fast zuckerfrei“ und dabei bestellen wir uns zum BigMac-Menü mit doppelt Pommes eine Cola Zero. „Ich war zu betrunken, ich wollte dich nicht betrügen Schatz, sei nicht böse, die Jungs, du weißt ja, wie die sind…“ und damit ist eigentlich nur ein „Du weißt ja, wie ich bin, untreu und ein Arschloch“ gemeint. Und wenn man seinen Job verliert, immer wieder, dann nur, weil Chef XY das Potenzial nicht erkannt hat oder man viel besser war „als das“ – und „das“ ist hier ein Synonym für all die Dinge, die wir nicht erreichen konnten, weil wir es verbockt haben, aber trotzdem keine Schuld tragen wollen.

Es sind immer die anderen und nie man selbst, weil das Spiegelbild verklebt ist von so viel Haarspray, Make-Up und Parfüm, damit wir schön genug sind, um unseren eigenen Anblick zu ertragen – und die Risse, die sich im Gesicht bilden, abends um 23:38 Uhr, auf irgendeinem Tinderdate auf der Suche nach der Liebe oder irgendwie nach uns selbst, überpudern wir einfach. Wie Kinder, wie ein Spiel. „Ich schlage mir die Hände vor die Augen und sehe dich nicht. Und wenn ich dich nicht sehe, siehst auch du mich nicht. Und wenn ich mich nicht sehe, dann geht es mir vielleicht weniger schlecht, und nur weil ich mich sehe, heißt das nicht, dass ich auch erkenne, was hier vor sich geht.“ Wie Kinder, wie ein Spiel, nur erwachsen und noch nie gewonnen.

Niemand sieht sich mehr und damit meine ich nicht nur die randvollen U-Bahnen mit Menschen, die auf ihre Smartphones blicken anstatt auf das Gegenüber, selbst wenn da niemand sitzt außer man selbst, im Spiegel. Ich meine auch die Partner, die sich anschreien, weil jeder was anderes erwartet, weil jeder eine „das kannst du mit MIR nicht machen!“-Einstellung hat, während wir doch aber genau das mit ihm oder ihr machen, weil wir denken, dass WIR das ja mit anderen machen können. Wir denken, niemand hat uns verdient, und meinen am Ende einfach uns selbst. Und das liegt alles nicht an uns.

„Es liegt nicht an mir“, sagst du mir abends in der Eckkneipe aus glasigen Augen, und ich stimme dir zu, denn ich denke das auch, es liegt nie an einem selbst und immer an den anderen, wir werden nicht wahrgenommen, ernst genommen, verkannt, und haben noch immer nicht erkannt, dass wir uns schon lange nicht mehr kennen und trotzdem denken, dass die Welt uns irgendwas schuldet. Alles geht um uns herum kaputt und wir von innen heraus. Wir sind alles Wracks in irgendeinem Hafen, den wir nicht gefunden haben, denn wir schaffen es nicht, Beziehungen so lange aufrecht zu erhalten, dass sie Heimat sein könnten, aber sind stolz darauf, Backpacker zu sein, ziellos durch die Gegend zu streifen, in dem Glauben, dass das die neue Freiheit ist, dabei heißt das nicht Freiheit sondern Einsamkeit.

Wir sind alles Wracks in irgendeinem Hafen, den wir nicht gefunden haben.

Wir leiden unter uns selbst und lächeln dabei, weil wir denken, uns wird übel mitgespielt von allen anderen, nur nicht von uns selbst, denn was machen wir, wenn wir erkennen, dass wir unser größter Feind sind und rechts Asse gegen die linke Hand im Ärmel stecken? Wir stecken uns in Ärmel und Schubladen und etikettieren uns, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Wir vereinfachen und verharmlosen unsere Einsamkeit und Ziellosigkeit, um am Ende sagen zu können, abends, gebrochen in einer Kneipe, bevor wir uns erbrechen und all den Frust und all das andere, was hätte sein können, auskotzen, dass man alles versucht hat, während man nichts, absolut nichts getan hat, um auszubrechen.

Während man versucht hat, sich die Schublade bequemer zu gestalten, anstatt zu akzeptieren, dass man nicht nur zu groß für eine Schublade, sondern für den ganzen Schrank ist, für das Zimmer, für das Haus und das Dorf und zu groß für die Stadt und groß genug für die Welt. Während man die ganzen Brücken, die man eingerissen hat, nicht wieder aufgebaut, sondern sich achselzuckend abgewandt hat, auf der Suche nach einem anderen Weg, einfacher, zwar nicht der eigene, aber irgendeiner. Und wenn ich hier von „Wir“ spreche, meine ich mich und irgendwelche anderen, die das auch so machen, weil sie es auch so gelernt haben, aber nicht, auf keinen Fall, Generation Y.

Ich meine keinen ganzen Schlag von Menschen, die zufällig zur selben Zeit geboren sind, und sich nur deswegen auf ihrer Faulheit und Angst und in ihrer Schublade ausruhen – ich meine die, die nicht nur auf dem Arm stehen haben, dass sie ihr Ändern leben sollten. Ich meine die, Einsamkeit nicht mit Freiheit verwechseln, den Gin nicht mit dem Sinn des Lebens und abends, in einer Bar, bei einem Date sind, Auge um Auge und nicht Swipe um Swipe nach jemandem bei Tinder suchen, um die Leere zu füllen, die wir selbst jeden Morgen in uns erzeugen, weil uns schon wieder niemand im Spiegel entgegenblickt, den wir sehen wollen.

Irgendwen Neues. Irgendwen Mutiges. Irgendwie mich, so wie ich bin oder zumindest gerne wäre, ganz ohne Puder und Lippenstift und „das war ich nicht, das war schon so“, sondern mit „das mach ich jetzt, das will ich so.“

 

Bilder: Pexels

 

Mehr #TaraTalks gibt es hier:

#berlin: Mein Therapeut sagt, Nazis sind Scheiße! |  Leben im Prenzlauer Berg


#liebe: Vielleicht ist Liebe eine Entscheidung  |  Vom Gefühl, zu viele Gefühle zu haben.


#freundschaft: Warum „Ja-toll!“ Menschen nicht die besseren Freunde sind  |  Hände weg!

Written by Tara Wittwer

Tara ist Wahlberlinerin, Wahlantidiäterin, mag Pizza und Ponies. Sie schreibt gerne zu lange Texte über zu tiefe Gefühle, behauptet aber felsenfest, Vorzeigemisanthrop zu sein. Deswegen schreibt sie sonst auch gerne auf ihrem Fäschnbloooog über Stil und Co.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>