Im Anschluss an die Erkundung der Hauptstadt holen wir eine Gruppe von Freunden aus Spanien vom Flughafen ab, welchen Juan überraschende Erkundungen verspricht. Und schon durqueren wir die Stadt auf dem „Segundo Piso“, der neuen Stadtautobahn, die in guter mexikanischer Tradition einfach über der alten gebaut wurde.

Nach einiger Zeit werden die Häuser etwas kleiner und der Baumanteil dichter.  Wir gelangen nach Xochimilco, was so viel wie Ort der Blumen heißt. Nichtsahnend laufen wir über einen halb überfluteten Parkplatz und stehen sogleich vor einer Reihe grellbunten Gondeln (viele davon mit einer Vielzahl von Holzblüten geschmückt), die hier Trajineras genannt werden.

Da es noch früh am Morgen ist, sind die Restaurants am Anlegesteg größtenteils geschlossen und wir werden nur selten angesprochen, als wir am Pier an den dutzenden aufgereihten Booten entlanggehen. Einige Arbeiter nutzen die Ruhe und Sonne nach dem gestrigen Sturm und streichen die farbintensiven Verzierungen ihrer schwimmenden Arbeitsplätze nach.

Juan und einer seiner Schulfreunde verhandeln kurz mit einem Mann, der mit einigen Zetteln wedelnd auf uns zukommt, und winken uns schließlich auf seine Trajinera. Auf dem Floß ähnlichen Holzboot wirken wir ärmlich unterbesetzt, und der Besitzer erklärt uns auch gleich warum: Die knapp zwanzig Sitzplätze rund um den Tafeltisch werden meist von partyhungrigen, jungen Mexikanern komplett besetzt, die sich für Feiern der besonderen Art die komplette Trajinera mieten. Da dies natürlich vorzugsweise abends und am Wochenende geschieht, ist es nicht verwunderlich, dass wir heute die einzigen sind, die an diesem Morgen ablegen.

Unser Kapitän manövriert uns mit einem dicken Ast, mit welchem er uns vom Seeboden abstößt und zugleich antreibt, durch die schlauchartige Anlegestelle bis hin zum nächsten größeren Kanal. Grundsätzlich sind wir hier der Stelle am nächsten, an der alles begann… zumindest von der Bodenbeschaffenheit her, so erklärt er uns.

 

Von Trajineras und glücklichen Tieren

Mexiko ist der Legende nach um einen Stein im See erbaut, auf welchem ein Adler eine Schlange verspeiste. Diese riesige See- und Moorfläche wurde erst zu Tenochtitlan, dem Venedig der Azteken. Nach der Eroberung durch die Spanier wurde darüber die gegenwärtige Stadt Mexiko errichtet. Heute treiben wir auf dem, was vom einst mächtigen See noch übrig ist. Im Vergleich zu alten Zeiten mag dies nicht viel sein, dennoch wirkt die Wasser- und Insellandschaft auch heute noch majestätisch. Nach jahrelangem Trockenlegen, aufschütten, Bebauen sind das in erster Linie unterschiedlich große Kanäle mit artifiziell angelegten Inseln, sogenannten Chinampas.

Von unserem Gondoliere bekommen wir Trajineras mit Mariachis (das sind Essensverkäufer) angepriesen, die wir dann leider aber doch nicht zu Gesicht bekommen. Normalerweise sind diese unterwegs, um die meist alkoholisierte Partycrowd zu bespaßen und zu verköstigen; wir hingegen haben so früh am Tag leider nicht das Vergnügen, Livemusik und traditionelle Snacks auf dem Wasser zu genießen.

Diese riesige See- und Moorfläche wurde erst zu Tenochtitlan, dem Venedig der Azteken.

Dafür schweben wir zwischen dem vom Wasser eroberten Land in absoluter Ruhe, welches nur durch die ein oder andere Kuh, Hunde oder Frösche gestört wird, an welchen wir zuweilen vorbeitreiben. Da der Boden hier durch das viele Wasser und den nährstoffreichen Schlamm ein besonders fruchtbarer ist, gibt es viele Weiden, üppige Vegetation und das, was man salopp gesagt als glückliche Tiere bezeichnen möchte.

essenimmarkt

Nach der zweistündigen Rundfahrt mit einer kleinen Verschnaufpause auf einer der kleinen Inseln (auf welcher wir die unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten aus der Nähe sehen können, weil dort gerade „Land aus dem Wasser zurückerobert“ und in ein Fußballfeld verwandelt worden ist) werden wir ganz zufällig in ein nettes Restaurant bei Coyoacán geführt, welches damit wirbt, Zutaten der eigenen Chinampa zu verwenden. Sehr passend für ein – zumindest den Erzählungen nach – recht alternatives Viertel, welches unter anderem das Haus Frida Kahlos beherbergt. Eine lange Schlange und die hohen Eintrittskosten veranlassen uns jedoch, der Malerin heute nicht unsere Aufwartung zu machen.

Zu Fuß kommen wir gerade noch bis zur städtischen Cineteca Nacional MEXICO, als sich der Himmel auftut und alles dran setzt, die Stadt wieder in einen großen See zu verwandeln. Somit haben wir die perfekte Entschuldigung, um das Sightseeing für einen Augenblick zu unterbrechen und uns im größten Filmhaus Mexikos für Schnäppchenpreise die doch recht arthousige Filmauswahl in Ruhe zu Gemüte zu führen.

 

Farbige Aussichten

Der nächste Tag sieht zum Glück besser aus. Also steigen wir gespannt ins Auto und bewegen uns knapp eine Stunde in den Süden. Als wir die Stadt verlassen, erreichen wir ein dicht besiedeltes Gebiet, das eindeutig Heim für eine ökonomisch weniger privilegierte Schicht der Gesellschaft ist. Auch die grellen, freudigen Farben der Wände können dies nicht verbergen. Willkommen in Ecatepec de Morelos, einem Meer an eng aneinander und aufeinander gebauten schlichten Häusern, die sich so weit das Auge reicht über die hügelige Landschaft erstrecken.

Wikipedia verrät mir, dass es sich im Reigen der meist besiedelten Vororte der Welt um Platz 15 handelt; die Verlässlichkeit von Wikipedia hin oder her: Wenn man einen Blick aus dem Wagenfenster wirft, zweifelt man daran nicht. Wegen der Fülle an Gebäuden und dem damit verbundenen Platzmangel ist hier eine überirdische Seilbahn namens „Mexicable“ errichtet worden, die den Bewohnern als Fortbewegungsmittel des öffentlichen Verkehrs dient. Sie sieht erstaunlich neu aus…. Sollte sie auch, meint Juan: Grade eben, am 4. Oktober, wurde sie eingeweiht.

 

Unter jedem Hügel ein Tempel

Kurz darauf erreichen wir das Ziel des Tages: Teotihuacán. Einst Heim der Teotihuacanos, so handelt es sich in der Gegenwart dank der beeindruckenden Überreste der antiken Stadt um eines der berühmtesten Tourismusziele in Mexiko. Heute haben wir Glück: Wochentags und mit teils bewölktem Himmel werden wir nicht von Touristen erdrückt und sind zugleich nicht permanent der gleißenden Sonne ausgeliefert, während wir das geräumige Gebiet ohne Schattenspender erkunden.

Mir wird erklärt, dass über die Erbauer relativ wenig bekannt sind, da sie bereits vor der Ankunft der Azteken ausgestorben waren. Diese fanden die Stadt bereits leer vor und verehrten sie als eine heilige Stätte. Der Name bedeuted so viel wie „Wo man zu einem Gott wird”.  Dem Eingang am nächsten ist der Templo de Quetzalcóatl (Aztekisch/Nahuatl für „gefiederte Schlange“), welcher noch relativ leicht zu erklimmen ist und den Aufsteigenden mit kunstvollen Skulpturen des benannten Gottes des Windes belohnt. Einige Köpfe der Federschlange sind noch sehr gut erhalten.

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Von hier aus sehen wir auf die beiden größten restaurierten Pyramiden und der unebenen, bewachsenen Hügellandschaft, welche unter sich noch zahlreiche weitere Gebäude verstecken. Weil es zu teuer wäre, sie alle auszugraben, zu restaurieren und zu erhalten, hat man hier die einfachste Lösung gewählt – alles einfach so lassen, wie es ist. Hat ja so schon einige Jahrhunderte überlebt.

Weil es zu teuer wäre, sie alle auszugraben, zu restaurieren und zu erhalten, hat man hier die einfachste Lösung gewählt – alles einfach so lassen, wie es ist.

Danach gilt es die „Straße der Toten“ zu meistern. Diese verdankt ihren Namen (zumindest der Erzählung eines Security Guards zufolge) der Tatsache, dass die Azteken die bewachsenen Hügel an deren Seiten für Grabmäler hielten. Sie ist teils flach und weist nach einigen hundert Metern mehrere viereckige Erhöhungen auf, die wie Innenhöfe wirken und vor der ersten und größten Pyramide, der Sonnenpyramide, enden. Die un-ebenerdige Struktur macht mehr zu schaffen als anfangs gedacht – doch das ist noch gar nichts im Vergleich zu den Stunden, die uns an die Spitze der Pirámide del Sol bringen.

Die (für uns) seltsame Stufenhöhe und Steilheit zwingen uns im Zickzack zu einem langsamen Aufstieg, welcher sich schließlich jedoch auszahlt: Von ganz oben bleibt einem nichts anderes, als die Dimensionen der entdeckten und noch unentdeckten antiken Stadt zu bewundern. Auch wenn es heute etwas ruhiger als gewöhnlich zugeht, ist die Fülle an Touristen bald unangenehm, was uns zum vorsichtigen Abstieg und Besuch der Mondpyramide bewegt. Konnte man diese scheinbar zuvor noch vollständig erklimmen, so ist nun auf halben Wege Schluss. Unsere Füße sind darüber nicht ganz unglücklich und wir verharren auch hier eine Weile.

 

Pueblo Mágico Teotihucatán

Wieder ziehen beunruhigend dunkle Wolken in unsere Richtung, die wir lieber nicht auf dem Gipfel der Pyramiden erleben möchten. Dies und der mächtige Hunger führt uns zurück zum Auto. Beim Ausgang möchte ein Freund noch ein Souvenier mitnehmen, wobei uns Juan rät: Hier bitte nichts kaufen, ohne nicht zumindest zu versuchen, den Preis herunterzuhandeln. Außer natürlich, man ist im Starbucks. Die Taktik geht selbst in den Touristenshops auf; erfreut über die unverhoffte Ersparnis machen wir uns auf ins kleine Dorf ums Eck, dem Pueblo Mágico Teotihucatán.

Pueblos Mágicos sind kleine Dörfer, die von der Regierung finanzielle Mittel bewilligt bekommen, dank derer sie ihre Wirtschaft für den Tourismus anzukurbeln können. Teotihucatán hat grade eben reichlich in Infrastruktur und optische Aufbesserungen investiert: Die Straßen werden ordentlich aufgepeppt und mittendrin entsteht sogar eine großzügige Fußgängerzone.

Dank unserer einheimischen Führer lassen wir uns jedoch nicht von den neuen Angeboten für Besucher aus aller Welt einwickeln und gelangen direkt zum Markt des Dorfes, bei welchem wir mit den Einwohnern Quesadillas und Tacos an den fantasiereich zusammengebauten Ständen verspeisen. Wir probieren reihenweise Tupperware mit bunten und meist höllisch scharfen Inhalten… bis die ersten Regentropfen fallen.

Das ist der „gentle reminder“, schellst möglich einen Unterschlupf zu suchen. Spaziergänge im Freien haben sich für heute erledigt. Macht nichts, mein Juan. Am Tag vor einer mexikanischen Hochzeit sollte man sich eh gut ausruhen. Morgen würden wir alle Energie brauchen, die wir auftreiben könnten…

 

Bilder: Alexander Frühbrodt

 

Teil 1 | Donald Trump im Guayabera
Teil 2 | Die Stadt der unrechten Winkel
Teil 3 | Von Erdbebenopfern und Kinderhelden
Teil 4 | Das Venedig der Azteken

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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