„Um zehn Uhr abends, gerade als sie nach einem langen Arbeitstag müde wurde, beschloss Mae die Nacht durchzuarbeiten. Sie stärkte sich mit einem Energiedrink und Fruchtgummis, und als die Wirkung von Koffein und Zucker einsetzte, fühlte sie sich unbesiegbar.

Sie blickte kurz auf ihr Gesundheitsarmband und sah fasziniert, wie ihre Pulsfrequenz anstieg. Fünf Bildschirme standen bereit; sie hatte alles im Griff. Der InnerCircle des dritten Bildschirms reichte nicht. Deswegen rief sie ihren OuterCircle Feed auf und registrierte sich bei Hundert Zing-Feeds und postete erst mal 33 Kommentare.

Danach checkte sie ihr Tagespensum. Heute hatten sich 210 Leute, durchschnittlich 1,3 Minuten ihr Profil angesehen. Sie trackte insgesamt 41 Statistiken, ihr letzter Highscore betrug 97…“

Ungefähr so klingt es, wenn Dave Eggers in seinem Bestseller „Der Circle“ den Alltag seiner Protagonistin Mae beschreibt. Utopisches Social-Media Geplätscher der Zukunft oder ein realistisches Szenario, nur noch ein paar Clicks von uns entfernt?

 

„Sein heißt wahrgenommen werden“

Unbestritten hat sich das Verhalten jedes Menschen durch die digitalen Medien und deren Vernetzung stark gewandelt. Wir werden immer mit den neuesten Informationen versorgt, immer mit den anderen vernetzt und stehen unter dem Erwartungsdruck der ständigen Verfügbarkeit. Sieben Tage in der Woche, vierundzwanzig Stunden am Tag. Meistens einseitig, maßlos und unkontrolliert. Das virtuelle Geschehen wird in unserer digitalen Gesellschaft immer wichtiger, und so ist es für viele ganz selbstverständlich geworden, viel Zeit in den sozialen Medien zu verbringen.

So sagen wir täglich der Welt auf Facebook „Gute Nacht“ und erfahren gleich nach beim Aufwachen, welche Krisen den Globus erschüttern. Schon beim Aufstehen greifen wir nach dem Smartphone oder Laptop und unser Alltag beginnt. Wir checken erst unsere WhatsApp Nachrichten und scrollen uns durch den Newsfeed von Facebook. Kein noch so belangloser Kommentar, kein noch so unerhebliches „Like“, das nicht relevant wäre, entgeht uns. Und noch im Bett liegend posten wir schnell noch ein Bild von unserem Chai Latte.

Die Maschine will schließlich gefüttert werden und kurz bevor wir das Haus verlassen, haben wir schon die ersten E-Mails geschrieben. Denn die Goldmedaille für digitale Schönfärberei erhält nur derjenige, der sich rund um die Uhr im Onlinemodus befindet und seine Privatsphäre auf dem Altar der sozialen Medien opfert. Und einen Platz im Instagram-Himmel gibt es sogar gratis dazu.

Abgesehen von gelegentlichen Shitstorms und anderen Beleidigungen können unsere Mundwinkel einfach gar nicht anders, als sich nach oben zu verbiegen. Und von der Vielfalt der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten profitiert schließlich nicht nur unser Privatleben, sondern auch die Arbeitswelt. Denn „die Möglichkeiten der umfassenden, mobilen Kommunikation können nicht nur die individuelle Produktivität sondern auch die eines Unternehmens steigern,“ schreibt Prof. Miriam Meckel in ihrem Buch über das Glück der Unerreichbarkeit. Ideen und Kreativität seien schließlich die wichtigsten Wirtschaftsgüter des 21. Jahrhunderts.

Andere Wissenschaftler wiederum definieren die internationale Vernetzung, die die Digitalisierung der Gesellschaft mit sich bringt, zwar als eine wachsende Gefahr für die Stabilität des Miteinanders, sehen darin aber auch das Potenzial eines modernen Menschen, der fremden Kulturen gegenüber zunehmend toleranter und offener begegnet. Allerdings drohe uns das rasante Tempo der digitalen Technik bald zu überrollen, weil wir den Umgang und damit unsere  mentale Gesundheit nicht ernst genug nehmen.

Den hohen Preis, den wir also für unsere Bequemlichkeit und Geschwätzigkeit im Datenrausch zahlen, ist uns demnach nicht bewusst.

 

Vernetzte Gesellschaft versus Keynsianisches Mußeparadies

Schon seit einiger Zeit untersuchen zahlreiche Studien, wie sich die intensive Nutzung sozialer Plattformen auf die Psyche und letztlich auch auf unsere Gesundheit auswirkt. Inzwischen halten Experten, trotz ungesicherter Erkenntnisse, einen direkten Zusammenhang für so selbstverständlich, dass er keiner besonderen Erwähnung mehr bedarf.

„Ständige Erreichbarkeit und das übermäßige Nutzen der sozialen Plattformen führen zu einer kognitiven Überlastung“, sagt Prof. Isabella Heuser, Psychiaterin an der Charité Berlin. Sind wir permanent einer solchen Anforderung ausgesetzt, kommt es häufig zu Dauerstress und Gesundheitsproblemen, wie Konzentrationsstörungen, emotionale Erschöpfung, Depressionen und Schlafstörungen. „Der Anteil der Menschen, die an Burn-Out. Erschöpfungssyndromen und stressbedingten Erkrankungen leiden, wird durch die Digitalisierung der Gesellschaft auch in Zukunft kontinuierlich zunehmen“, so Heuser.

Und dabei sollte die moderne Technik dem Menschen den harten Arbeitsalltag eigentlich erleichtern und ihm mehr Freiraum und Muße für die angenehmen Dinge des Lebens eröffnen. So prophezeite es zumindest 1930 der Ökonom John Maynard Keynes in einem Essay über die „ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkel.“

Ganz hellsichtige Geister wussten aber schon früher, was auf die Bürger der Moderne zukommen sollte. Schon William Shakespeare ließ im Jahre 1601 seinen Hamlet klagen, dass die Zeit aus den Fugen geraten sei. Und rund zwei Jahrhunderte später hat es der irische Theologe und Aufklärungsphilosoph George Berkeley ganz klar auf den Punkt gebracht: „Sein heißt wahrgenommen werden.“

 

Niemand muss immer erreichbar sein! 

Leider ist das von Keynes verheißene Mußeparadies bis heute nicht eingetreten. Und auch auf wirtschaftlicher Ebene bringt die stark von der Schnelllebigkeit der Digitalisierung geprägte Zeit nicht nur Positives. Für viele Wissensarbeiter von heute verschmelzen Berufsleben und Freizeitgestaltung unter Druck der ständigen Erreichbarkeit immer mehr miteinander. Sie fühlen sich gehetzt und leiden unter chronischem Stress.

Deswegen träumen auch viele davon, sich einfach mal in Luft aufzulösen und abzuschalten. Aber aus Angst vor ernsthaften Informationslücken betreiben sie nach einem langen Arbeitstag dieselbe Onlinetätigkeit zu Hause weiter. Genauer betrachtet, ist also nicht nur die Technik Auslöser für unsere Verhaltensweisen. Wir sind es häufig selbst.

Wer wirklich einen Ausweg aus der Kommunikationsflut sucht, sollte seine Verhaltensweisen ändern. Wir müssen deshalb nicht die Medien verdammen oder uns von der Vernetzung abschneiden. Richtig eingesetzt, bereichert sie unser Leben und erleichtert den Alltag. Es geht vielmehr darum, eine eigene Haltung in der digitalen Gesellschaft zu finden und sich entsprechend zu positionieren. Dazu gehört auch, sich ab und zu gezielt zu verweigern und digitale Exzesse zu vermeiden.

Einfach mal abschalten. Für ein paar Kilobyte kostenloses Geschwätz muss niemand immer erreichbar sein.

 

Bild: superdirk

 

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Written by Birgitta Wallmann

Birgitta Wallmann ist selbstständige Rechtsanwältin und Journalistin. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirschaftslehre in Mainz rief sie das Schreiben, weshalb sie sich bis 2014 an der Freien Journalistenschule Berlin ausbilden ließ.

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