Als Arno Stern 1946, ein Jahr nach Kriegsende als Überlebender des Holocaust mit 22 Jahren in einem Pariser Kinderheim die Betreuung von Kriegswaisen übernahm, ahnte er nicht, dass diese Arbeit sein ganzes Leben bestimmen würde. Ohne genaue Vorstellung seiner Tätigkeit ließ er die Kinder malen. Schnell wurde ihm die Wichtigkeit seiner Arbeit bewusst – und auch, dass es dafür besonderer Rahmenbedingungen bedurfte. Er erfand den Malort, der mit seinen schützenden Wänden und dem Palettentisch für Farben bis heute Kinder und Erwachsene zum Malspiel anregt und sie ihrer Spontanität begegnen lässt. Dabei machte er eine wichtige Entdeckung.

 

Die Rue de Falguière ist eine gewöhnliche, schmale Seitenstraße im 15. Bezirk von Paris. Es ist früh am Morgen. Kinder gehen zur Schule. Eine alte Frau ist mit ihrem Pudel, der aus dem Einkaufstrolley guckt, auf dem Weg zum kleinen Supermarkt an der nächsten Ecke. Die katholische Kirche schräg gegenüber öffnet ihre Pforten. In einem gut erhaltenen alten Wohnhaus des letzten Jahrhunderts mit schmiedeeisernen Balkongittern befindet sich im Erdgeschoss des Seitenflügels ein Ort, der sich nur Eingeweihten erschließt. Eine unscheinbare Klingel mit der Aufschrift Arno Stern – IRSE – Institut de Recherche en Sémiologie de l‘Expression – Academie du Jeudi – gibt Auskunft über den Besitzer dieses einmaligen Ortes.

 

Die Begegnung

Arno Stern kommt mir entgegen. Ich werde herzlich empfangen und betrete durch einen kleinen Flur das Herzstück einer ehemaligen Wohnung. Der große Raum ist unterteilt in zwei Bereiche: einen vorderen, hellgestrichenen Bereich mit zwei Fenstern, der mit mehreren Stuhlreihen für Ausbildungsseminare genutzt wird, und einen hinteren, ca. 5 m x 4 m großen und 3 m hohen Raum, dessen Fenster und Wände mit beigefarbenem Papier bespannt sind. Unzählige Pinselstriche, entstanden beim Malen über den Rand der Blätter hinaus, sehen aus wie ein gewebtes Muster. Das verleiht dem Raum eine einmalige Stimmung und hüllt den Eintretenden in einen Farbnebel. In der Mitte steht ein langer Palettentisch mit leuchtenden, nach Salbei duftenden Gouachefarben.

Die Stellwände zwischen beiden Bereichen werden geschlossen, wenn das Malspiel beginnt, und verwandeln diesen Teil des Raumes in einen abgetrennten Malort. Maximal fünfzehn Malspielende, wie Stern sie nennt, im Alter von zwei bis 70 Jahren, treffen sich mindestens ein Jahr lang jede Woche hier zum freien, kreativen Spiel. »Mehr als fünfzehn sollten es nicht sein, um ihnen allen gerecht werden zu können.« Es gibt drei verschiedene Gruppen, die sich jede Woche mittwochs, sonnabends oder sonntags für etwa 90 Minuten hier treffen. Viele kommen seit Jahren hierher. »Der älteste Beteiligte ist jetzt 62 und hat mit 15 begonnen. Jeden Sonntagmorgen ist er da, er hat noch nie einen Sonntag versäumt.« Ich habe die Chance, an diesem Spiel beobachtend teilzuhaben. Zuvor erzählt mir Arno Stern davon, wie alles begann.

 

Die Geburt einer Idee

Als der in Hessen geborene und aufgewachsene Stern 1946 nach der Flucht aus Deutschland, zahlreichen Verstecken vor den Nationalsozialisten und der mehrjährigen Erfahrung eines Internierungslagers in der Schweiz mit 22 als staatenloser Emigrant nach Paris kam, wurde ihm in einem Waisenhaus eine Stelle angeboten. Weil man glaubte, ich sei Künstler, wurde mir aufgetragen, den Kindern die Kunst beizubringen. Aus diesem Irrtum entstand das Entscheidende in meinem Leben.«

Viele der dort lebenden Kinder waren der Deportation entgangen und versuchten sich nach Kriegsende ohne Eltern zurechtzufinden. Stern, vollkommen unerfahren, sollte diese Kinder beschäftigen, doch womit? »Das Land war völlig geplündert. Ich fand Bleistiftstummel und Abfallpapier, und das Naheliegende war, die Kinder zeichnen zu lassen. Das begeisterte mich, weil es völlig unerwartet für mich war.«

Er ließ sie in einem kleinen Zimmer auf dem Dachboden des Waisenhauses und später in einem ehemaligen Stall malen. »Es war erstaunlich, als noch alles rationiert war, Schuhe, Kleider und Lebensmittel, gab es trotzdem sehr schnell nach dem Krieg wieder Temperafarben. Und als ich den Kindern die zur Verfügung stellte, bemerkte ich ihren Enthusiasmus. Ich erkannte sofort, dass ich ihnen nichts beizubringen hatte, dass ich sie keineswegs belehren sollte, sondern ihnen nur etwas ermöglichen. Das war für mich entscheidend.«

Die Kinder malten auf Bänken und Hockern sitzend, in einem provisorisch eingerichteten Raum, über ihre Papierbögen gebeugt. Irgendwann wollte eines ein größeres Bild malen, und Stern hängte es an die Wand. Das löste bei anderen den gleichen Wunsch aus, so dass Tische und Bänke zur Seite geräumt wurden. Um weitere Kinder malen zu lassen, verkleidete er die Fenster mit Brettern, so dass eine lückenlose Wandfläche den Malraum umgab. In die Mitte des Raumes stellte er ein Brett für Pinsel und Farben. »Allein aus dieser pragmatischen Erwägung entstand der Malort, dessen vier Wände den Kindern – wie ein Schutzwall – Geborgenheit boten«. Ihre teils schrecklichen Erlebnisse konnten nun aus ihnen herausfließen und in den Bildern Ausdruck finden. Stern erkannte, dass durch dieses Spiel eine unvergleichliche Äußerung ins Leben gerufen wurde, welche für die Entwicklung der Kinder wichtig war. »Es war so bezaubernd für mich, dass ich das weiterhin machen wollte, und ich stellte mir vor, ich mache irgendwo in der Stadt einen Ort auf, wo Kinder zum Malen hinkommen.«

 

Académie du Jeudi

Dafür bedurfte es eines geeigneten Ortes. Nach seiner Arbeit im Waisenhaus erfand Stern eine besondere Einrichtung, die bis heute besteht. In seiner ersten kleinen Wohnung gründete er einen Malort und nannte ihn »Académie du Jeudi«, da der Donnerstag damals ein schulfreier Tag war. Hier konnten sich Kinder frei von Erwartungen und Vorgaben dem Malspiel hingeben. »Mir fiel durch die Wiederholung auf, dass in diesen Bildern immer wieder die gleichen Dinge vorkamen. Das Haus, der Baum, der Mensch, das Tier, die Blume oder die Sonne. Jedoch wurden sie nicht auf verschiedene Weise dargestellt, sondern von allen Kindern immer auf die gleiche Weise, und ich begann ein Inventar aufzustellen.«

 

Die Formulation als Universalgefüge

Durch diese Arbeit entdeckte er, dass die bildnerische Spur des Kindes nicht, wie oft behauptet, der Kunst angehört, sondern ein wichtiger Bestandteil eines eigenständigen Gefüges ist, welches jedes Kind durchläuft. Die Kinderzeichnungen richten sich nicht an einen Empfänger und wollen keine Botschaft vermitteln wie übliche Kunstwerke. Stern beobachtete, dass die Äußerungen der Kinder nach immer wiederkehrenden Gesetzmäßigkeiten entstanden. »Ich verglich sie mit der Grammatik einer Sprache, die jedoch nicht der Kommunikation dient, und nannte sie Bildnerische Sprache. Später ersetzte ich den Begriff durch den der Formulation.« Mit dieser Ansicht positionierte er sich gegen die allgemeine Auffassung darüber, was eine Kinderzeichnung ist, und stellte die Funktion des Kunstunterrichts in Frage, der die Kinder durch seine Vorgaben erdrücke.

Um seine Beobachtungen auch an Kindern mit anderen kulturellen Prägungen und Lebensweisen zu erforschen, die noch nicht von der Schule berührt wurden, reiste er zu den Nomaden nach Mauretanien und Afghanistan, zu den Urwaldvölkern in Neuguinea und Peru, zu den Buschbewohnern in Äthiopien und Niger, in das Hochgebirge der Anden und nach Guatemala. »Würden diese anders lebenden Kinder die gleichen Dinge darstellen wie die Kinder im Malort in unserer Gesellschaft? Oder andere Dinge, die ihrer Kultur angehören, oder die gleichen Dinge auf eine andere Weise? Niemand konnte mir auf diese Frage eine Antwort geben.« Überall ließ er Kinder nach demselben Prinzip malen. Was er dort erlebte, übertraf jedoch seine Vorstellungen. »Es zeigte sich, dass etwas Grundlegendes alle Menschen verband und der Darstellung von Dingen voranging. Die von den Nomaden gebildeten Figuren unterschieden sich nicht von denen der Urwaldbewohner und Stadtkinder. Ich erkannte, dass die Formulation ein Universalgefüge ist.«

Anhand dieser Forschungsreisen und den inzwischen mehr als 500.000 Bildern seines Archivs konnte Stern beweisen, dass uns Menschen ein genetisches Programm innewohnt, nach welchem wir alle ähnliche Bilder entstehen lassen. Während seiner fast siebzigjährigen Forschungsarbeit entwickelte er ein Konzept, wie man Kinder malen lassen sollte, und berichtete in vielen Vorträgen und Büchern, welches Glück es für sie bedeutet, wenn man sie lässt. Durch seine Erkenntnisse – die sich mit denen der aktuellen Hirnforschung und der Embryologie treffen – wurde eine neue Diskussion in Gang gesetzt, wie wichtig es ist, Kindern jene Freiräume zu geben, die sie für ihre Entfaltung brauchen.

 

Spielen und Lernen als Synonyme

Es ist neun Uhr. Ungeachtet meiner neugierigen Augen ziehen die Malspielenden vor dem Malspiel einen Kittel an. Mit ihm schützen sie ihre Kleider und setzen für sich selbst ein Zeichen ob der Ernsthaftigkeit ihres Tuns. »Die Entfremdung dieses Ortes trägt dazu bei, dass man hier von Anfang an anders ist als in der Außenwelt.« Pinsel und großformatiges Papier liegen bereit, gemalt wird im Stehen. Jeder schöpft aus sich selbst inmitten anderer, findet und entfaltet seinen eigenen Rhythmus und Ausdruck. Wichtig ist dabei, dass das Gemalte weder gedeutet noch bewertet wird und die entstandenen Bilder im Malort verbleiben. Arno Stern erklärt mir: »Es ist ein strenges Ritual, denn jedes Spiel ist auf Spielregeln aufgebaut, da Menschen Rituale brauchen. Das ist oft etwas Ungewohntes, aber dem Spiel muss eine Struktur zu Grunde liegen, ohne die es nicht gehen würde.« Die Gruppe besteht aus Großen und Kleinen, Erfahrenen und Neulingen. »Jeder Mensch ist ein Individuum inmitten anderer«. Diese Verschiedenheit verhindert das angelernte Vergleichen. Selbstständig nehmen sich die Teilnehmenden einen Bogen 50 cm mal 70 cm großes Papier und tragen ihn an die Wand. »Mit Reißnägeln hänge ich ihn in der angebrachten Höhe auf, weil die meisten das Blatt zu niedrig aufhängen. Die Augen sollten in die Mitte des Blattes blicken, damit es dem Malspielenden leichtfällt, etwas darauf aufzutragen.«

 

Die dienende Rolle

Eine grundlegende Funktion im Malprozess ist die Rolle des Dienens von Stern, der jede Form von Hilfestellung gibt, damit der Malprozess ungestört ablaufen kann. Oft kommt er den Wünschen der Malspielenden zuvor: Er gibt ihnen einen Schemel, damit sie in aufrechter Position bequemer malen können, oder rät dem Anfänger, er solle den Pinsel nur kurz mit der Spitze in die Farbe eintauchen, ihn waagerecht halten und sanft mit ihm malen, ohne sich abzustützen, damit die Bewegung ungehindert aus dem Ellenbogen kommen kann. Dadurch signalisiert er ungeteilte Aufmerksamkeit, und es entsteht eine Verbindung, die für das Finden und Zulassen des kreativen Prozesses und eigenen Zutrauens von großer Wichtigkeit ist. Berührt der Malende mit dem Pinsel eine Reißzwecke, so übermalt er diese nicht, sondern ruft »Reißzwecke«, damit sie mit Hilfe eines magnetischen Messers herausgezogen und versetzt werden kann. »Ich werde ständig gerufen, weil wir auf diese Weise in Verbindung sind.« Durch das Umsorgtwerden wird der Malspielende nie von seinem schöpferischen Impuls abgelenkt und kann sich dadurch ganz auf das Entstehenlassen der Spur mit Hilfe der Farben konzentrieren.

 

Die Farben des Palettentischs

Die 18 Farben des Palettentischs sind nach einer von Stern entwickelten Reihenfolge angeordnet und besitzen besondere Eigenschaften. Sie bestehen aus natürlichen Inhaltsstoffen, sind dickflüssig, wasserlöslich und schnell trocknend. Neben jeder Farbe liegen drei Pinsel: zwei kleine nebeneinander und ein größerer obenauf. Wenn ein Malspielender einen dieser Pinsel aus der Rinne nimmt, muss er ihn beim Zurückbringen wieder in der gleichen Reihenfolge ablegen. Das ist eine Aufforderung zur Sorgfalt und respektvollen Behandlung des Werkzeuges. »Ohne die ernsthafte Herangehensweise und die hervorgerufene Konzentration würde die Spur nicht so frei und selbstverständlich entstehen.«

 

Achtsames Miteinander und die Entfaltung des Einzelnen

Die Malspielenden erleben durch diesen Prozess ein Spiel, das nur dem eigenen Rhythmus entspricht, und machen dabei eine Erfahrung, welche das weitere Leben beeinflusst. »Sie erleben sich selbst inmitten anderer« und entdecken an sich Seiten, die von nie zuvor erkannten Bedürfnissen und Fähigkeiten zeugen. Da Stern sich der Wichtigkeit seiner Erfahrungen bewusst ist, will er diese weitergeben. »Man muss dafür sorgen, dass sich viele Malorte einrichten, um vielen Menschen das zu ermöglichen.« Unermüdlich berichtet er in Vorträgen und zehntägigen Ausbildungsseminaren mehrmals im Jahr von seinem Konzept, denn »es gibt sehr viele Feinheiten bei der Arbeit im Malort, da alles, was man nicht tut, genauso wichtig ist, wie das, was man tut.« Spätestens mit Bekanntwerden des Films »Das Alphabet« von Erwin Wagenhofer 2013 wurde die Idee Arno Sterns auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Bis heute gibt es keine staatliche Unterstützung, um das Entstehen solcher Malorte zu finanzieren. »Aber wir müssen etwas retten, das im Inneren der Menschen gefährdet ist, damit sie etwas erleben können, das lebenswichtig ist.«

 

Bilder: Leona Goldstein

Written by Astrid Winterfeld

Astrid Winterfeld studierte Film- und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Ihr besonderes Interesse gilt Menschen, die sich in sozialen Projekten engagieren. Ihr Themenspektrum reicht von Künstlerporträts bis hin zu ganzheitlichen Lebensansätzen.

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