Natürlich können wir in einem Lebensbereich selbstbewusster sein und in einem anderen sind wir es nicht. Selbstbewusstsein hat ja verschiedene Aspekte. Fühlen Sie sich beispielsweise selbstbewusst in Ihrem Körper? Fühlen Sie sich selbstbewusst im Kontakt und emotionalen Austausch mit anderen? In unserem Denken, das heißt in unserem Verstand bekommt der Begriff Selbstbewusstsein wiederum ganz andere Bedeutungen. Und auf spiritueller Ebene gewinnt Selbstbewusstsein noch weitere Dimensionen. Lassen Sie uns im Folgenden diese vier Bereiche unseres Selbstbewusstseins und ihre Beziehungen untereinander genauer unter die Lupe nehmen.

 

1. Selbstbewusstsein auf körperlicher Ebene

Zuersteinmal ist es wohl leichter selbstbewusst aufzutreten, wenn wir uns stark in unserem Körper fühlen, wenn wir also über einen muskulösen, athletischen Körper verfügen. Das verschafft uns gute Erdung und Verankerung in unserem Körper. Bei physischen Übergriffen können wir uns wehren. Sport stärkt unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit und verschafft uns nicht zuletzt ein Wohlgefühl im Körper. Nicht umsonst strömen viele Menschen heute in die Fitnessstudios, um sich mehr Muskeln und sportliches Aussehen anzueignen. Wer sich als gutaussehend und stark empfindet, der tritt selbstsicherer auf und weiß, sich und seine Bedürfnisse selbstverständlicher durchzusetzen. Insofern spielt es auch eine Rolle, ob wir wissen, was wir wollen, ob wir uns also unserer Bedürfnisse bewusst sind und die Willenskraft haben, unsere Ziele handelnd in die Realität umzusetzen.

Das sich seiner Selbst im Körper Bewusst-Sein hat aber weniger mit Muskelmasse zu tun, sondern mit der Fähigkeit, sich im eigenen Körper wahrzunehmen. Körperbewusstseinstraining wie es in Tanz, Yoga oder Feldenkrais praktiziert wird, stärkt weniger die Muskulatur als Wahrnehmung, Koordination und Geschmeidigkeit.

Der Körper ist zweifelsohne für unser Selbstbewusstsein von großer Bedeutung, denn schließlich ist dieser Körper das Gefährt, Sinnesorgan und Werkzeug, mit dem wir durchs Leben gehen. Mithilfe dieses Körpers betrachten wir die Welt nicht nur von außen – aus der geistigen Perspektive, sondern erleben uns von innen her als einen Teil dieser Welt. Erst dadurch, dass wir für einige Jahrzehnte in Form von Fleisch und Blut mitten auf dieser Erde leben und dabei Bedürfnisse haben, erfahren wir uns und die Welt unmittelbar. Nur durch den Körper kann aus Theorie jemals Praxis werden und unter anderem Selbstbewusstsein schaffen.

Von großer Bedeutung ist unser Körperbewusstsein auch im Kontakt mit anderen, zum Beispiel im sexuellen Austausch. Ja – und erst im Austausch mit anderen kommen wir auch in Kontakt mit der emotionalen und sozialen Komponente unseres Selbstbewusstseins.

 

2. Der emotionale Aspekt des Selbstbewusstseins

Auf emotionaler Ebene bedeutet Selbstbewusstsein vor allem Mut, zu sich zu stehen, sich der Welt zu stellen und sich immer wieder neuen Erfahrungen auszusetzen.

Es unterstützt unser Selbstbewusstsein, wenn wir mit der Erfahrung aufwachsen, so geliebt zu werden wie wir sind und nicht nur für das, was wir geleistet haben. Denn Liebe ist überlebensnotwendig für unsere Entwicklung! Wer schon in früher Kindheit oder auch in höherem Alter durch körperliche oder emotionale Gewalt überwältigt wurde und dessen Integrität, also Ganzheit als Mensch, zutiefst verletzt wurde, der kämpft oft ein Leben lang mit seinem Verlust an Selbstbewusstsein. Wer vergewaltigt wurde, geschlagen oder ausgeraubt, wer traumatische Verluste erlebt hat oder schwere Krankheit durchlitten hat, dessen Selbstvertrauen hat meist mehr oder weniger großen Schaden davongetragen. Wer es allerdings schafft, sich selbst zu behaupten und die Ohnmacht zu überwinden, der kann auch aus schwersten Krisen gestärkt hervorgehen.

Ein emotional selbstbewusster Mensch bringt sich und seine Ideen in die Welt und erlebt sich als aktiver Gestalter seines Lebens. Dies gelingt nur, wenn er in jedem Augenblick klare Entscheidungen trifft und mit Entschiedenheit für den eingeschlagenen Weg eintritt. Selbstbewusst zu sein bedeutet, vollständig ja sagen zu uns selbst und zu unseren Entscheidungen. Dann erlauben wir uns auch, in unserer Individualität anders zu sein als andere – ohne um jeden Preis anders sein zu müssen. So finden wir letztlich auch unseren Platz innerhalb der Gemeinschaft.

Wenn wir auf unsere Mitmenschen in ihrer Andersartigkeit zugehen und mit ihnen in Beziehung treten, dann fordert dies viel Wachsamkeit von uns, in jedem Augenblick nicht nur auf unsere eigenen inneren Impulse und Bedürfnisse, sondern auch die des anderen zu achten. Dann handeln wir spontan, sind auch bereit uns anzupassen und Beziehungen aufrechtzuerhalten ohne uns selbst zu verlieren.

Ein selbstbewusster Mensch lernt im Idealfall, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort auch das rechte Maß zu finden. Und auch, wenn dies nicht gelingt, kann er Rückschläge einstecken ohne seinen Mut und seine Entschlossenheit aufzugeben. Solange er an sich selbst glaubt, ist es ihm egal, was andere denken. Er will seinen Ideen und Handlungen zwar sanften Nachdruck verleihen, aber er hat es nicht nötig Zwang auszuüben.

Wenn jemand zu gewalttätigem oder übergriffigem Verhalten neigt, so weist dies häufig auf einen Mangel an Selbstbewusstsein und Vertrauen hin. Wer selbstbewusst ist, muss nicht stur auf etwas beharren, sondern öffnet sich für andere Meinungen und Lösungswege. So verfällt der wirklich Selbstbewusste nicht in Egozentrik oder Selbstverliebtheit, sondern lernt im Kontakt mit anderen noch hinzu.

Andererseits ist ein selbstbewusster Mensch keineswegs frei von Ängsten. Er wird auch nicht draufgängerisch oder waghalsig alles wagen, was ihm in den Sinn kommt. Denn das Fehlen von Angst ist noch lange kein Mut! Es ist eher ein fehlendes Bewusstsein für die Grenzen und Gefahren und oft ein Mangel an Umsicht und Klugheit.

 

Im zweiten Teil dieses Artikels werden wir der Frage nachgehen, wie weit uns der Verstand bei der Selbstbewusstwerdung hilft und was Selbstbewusstsein aus spiritueller Perspektive bedeuten kann.

Written by Alexander Sembritzki

Dr. med. Alexander Sembritzki ist Facharzt für Allgemeinmedizin. In seiner Praxis arbeitet er mit Japanischer Akupunktur und Chinesischer Medizin, Atemkraft-Qigong und Tai-Chi-Chuan.

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