Christine Kaufmann wurde schon als Kind zum Star: Ihre Darstellung des »Rosen-Resli« machte sie über Nacht berühmt. Nach ihrem Auftritt an der Seite von Romy Schneider in »Mädchen in Uniform« drehte sie eine Reihe erfolgreicher Filme in Italien, bevor sie an der Seite ihres neuen Mannes in die USA auswanderte. Nach der Trennung von Schauspieler Tony Curtis kehrte sie nach Deutschland zurück und war neben Filmen von Schroeter und Fassbinder auch in der Kult-Serie »Monaco Franze« zu sehen. Seit Mitte der 1980er Jahre trat Kaufmann vermehrt als Autorin zahlreicher Bücher in Erscheinung, darunter »Der Himmel über Tanger« und »In Schönheit altern«. In der vergangenen Nacht ist Christine Kaufmann im Alter von 72 Jahren in München gestorben. 

Das folgende Interview haben wir kurz vor ihrem 70. Geburtstag zum Thema Lebenslust und Sinnlichkeit im Alter geführt.

 

In Deinem neuen Buch* hast Du den schönen Satz geschrieben, dass es neben dem Hunger des Magens auch einen Hunger der Haut gibt. Welche Rolle spielt Berührung für Dich?

Dieser Hunger ist eigentlich erst geweckt worden, als ich in der damaligen Sowjetunion gearbeitet habe und dann nach Amerika geflogen bin. Die Russen küssen und fassen einen dauernd an. Für jemanden wie mich, für den es so wahnsinnig wichtig ist, berührt zu werden, ist das herrlich! Ähnlich habe ich es auch in Marokko erlebt. Wenn Du ein Haus betrittst, küsst Dich jeder, und wenn es einen Hund gibt, sogar der Hund. Das ist natürlich ein instinktives und kreatürliches Riechen und Schmecken, ob die Menschen gesund für uns sind.

Altern ist die Nebenwirkung von nicht berührt werden.

Ich war als Kind einer französischen Mutter immer verwundert, warum sich die Menschen in Deutschland so wenig berühren. Doch die Dinge ändern sich: Man sieht das zum Beispiel, wenn Frau Merkel auf Herrn Hollande trifft, küssen sich die beiden vor laufender Kamera. Das hätte es vor 20 Jahren nicht gegeben. Für mich war die Berührung, die jenseits von Begehrlichkeit ist, immer sehr wichtig. Altern ist die Nebenwirkung von nicht berührt werden.

In demselben Buch empfiehlst Du ja, wild zu sein, unkonventionell, sich die Träumer und Visionäre anzusehen – aber bitte immer mit Vernunft gepaart. Was bedeutet der Expertin für Sinnlichkeit der Verstand?

Wir leben in einer Zeit, in der die Vernunft als lächerlich dargestellt wird und als freudlos. Aber in Wirklichkeit ist es doch die Vernunft, die uns in der Wildnis da draußen schützt. Umso mehr man riskiert, desto mehr braucht man sie, um aus diesem Risiko etwas zu lernen. Viele meiner Altersgenossen verwechseln das Sich-chic-Machen mit Jungbleiben. Ich möchte im Rahmen meines Älterseins trotzdem keine mürrische alte Frau sein. Ich glaube, das ist möglich. Viele behaupten, Lebenslust hätte was mit der Unbeschwertheit der Jugend zu tun. Im Alter ginge es damit eher bergab. In Wirklichkeit ist die Jugend eine sehr schwere Phase. Ich glaube, Lebenslust kann eigentlich nur mit den Jahren entstehen, ob mit 30, 40 oder 50. Meistens hören die Leute mit Mitte 50 auf, die Idee von Lebenslust als Möglichkeit zu sehen und das ist schade, denn das Leben bringt einem ja die Heiterkeit bei. Ich sehe es zumindest so.

Geliftet zu sein heißt nicht: Ich bin wieder jung, sondern es heißt, dass man nicht gewusst hat, wie man mit seinem Körper umzugehen hat.

Es gibt allerdings eine Sache, die ich für sehr wichtig halte und die man oft unterschätzt und das ist der richtige Umgang mit dem Körper. Geliftet zu sein oder Silikonbrüste heißt nicht: Ich bin wieder jung, sondern es heißt, dass man nicht gewusst hat, wie man mit seinem Körper umzugehen hat. Ich glaube, dass es wenige und wichtige Dinge gibt, die man jeden Tag mit seinem Körper machen muss, und eine davon ist unerlässlich: Gymnastik jeden Morgen. Dazu kommen die Farben, die einen umgeben in den Räumen, das ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Lebenslust. Ich verstehe gar nicht, wie Leute in trostlosen Farben leben können, und ich habe trotzdem keine Neonwände. (Sie lacht) Ein Raum kann einen beruhigen, einer kann einen stimulieren, das kann man sehr geschickt machen. Eine Möglichkeit ist es auch, mit Tüchern an der Wand Farbakzente zu setzen, ein kräftiges Rot im Winter kann hier die Wärme des Sommers in meine Wohnung und in den Körper selbst holen.

Ein wichtiger Trigger der Lebenslust, wenn nicht der wichtigste, ist ja bekanntlich die Liebe. Woran merkst Du, dass Du wirklich liebst?

An der Ausschließlichkeit.

Welcher Politiker könnte Dich für sein oder ihr Kabinett gewinnen?

In Deutschland eigentlich niemand.

Welche Künstler oder Denker haben Dich geprägt?

Nur Künstler und Denker! Für mich ist ein guter Philosoph wirklich, was man sexy nennt. Ich finde das sexy, anziehend, verführerisch, belebend.

Welche Menschen waren das?

Männer wie Goethe, Schiller, Adorno, aber auch Rupert Sheldrake, natürlich Günter Amendt, den ich über alles geliebt habe. Was für mich wirklich erotisch ist, sind Gedanken.

Wenn Du die Möglichkeit hättest, einem Außerirdischen den Menschen zu erklären, indem Du ihm drei Objekte oder Kunstwerke zeigst, was wäre das?

Ich glaube, die Außerirdischen würden vermutlich denken: Das sind ja fürchterliche Wesen, aber die Sinnlichkeit ist interessant. Ich würde daher Werke aus der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts wählen. In diesen Bildern kannst Du das Schönste finden, was Menschen ausmacht. Wie man Vasen, Silber, Weintrauben malt. Dass wir als Spezies das überhaupt können, deswegen haben wir eine Existenzberechtigung.

Auf was bist Du richtig stolz im Leben?

Auf meine Enkel. Ohne Frage. Diese merkwürdige Beziehung zu Tony Curtis, die Kinder, die wir zusammen haben, die dramatischen Geschichten, all das hat ein schönes Ende in den Enkelkindern gefunden. Da habe ich gemerkt, dass diese merkwürdige Beziehung zu Tony sich absolut gelohnt hat.

Welche Entscheidung hast Du im Gegenteil bereut?

Die hat auch mit ihm zu tun. Ich hätte nie einen Amerikaner heiraten sollen. Ich hätte jemanden aus Timbuktu heiraten können. Ich glaube, die amerikanische Kultur ist für mich noch weiter weg als der Mond.

Hast Du das Gefühl, schon einmal gelebt zu haben?

Ja, ich glaube öfter. Ich hab das Gefühl, dass man sein Karma innerhalb eines Lebens verbessern kann. Ich hatte früher Ängste vor Menschen und hab es geschafft, diese Ängste abzubauen. Jetzt lieb ich sie und gehe auf sie zu. Ich sehe eigentlich in allen Leuten etwas, das liebenswert ist. Meine andere Baustelle, damit ich nächstes Mal nicht wieder das Gleiche erleben muss: Ich möchte mich besser organisieren. Für mich ist es wahnsinnig schwer, mich wirklich zu organisieren. Ich vergesse Dinge oder verlege Dinge. Es gibt eine gewisse Verbindung zur Technik des Lebens, die ich noch lernen will.

Hattest Du schon mal ein paranormales Erlebnis?

Viele. Ich konnte lange Zeit, wenn ich mit jemandem telefoniert habe, die Person vor mir sehen. Und zwar im Detail, sogar welche Art Schuhe sie anhat. Dazu die Haarfarbe, die Augenfarbe, den ganzen Modestil. Das habe ich aber lange nicht mehr ausprobiert und ich glaube, dass es mir abhanden gekommen ist. Ein anderes Beispiel ist, dass ich während der Geburt meiner Tochter Allegra meinen Körper verlassen habe. Diese Erfahrung könnte ich auch noch genau beschreiben. Ich bin aus dem Körper raus, hab mich selbst, also meinen Körper gesehen und das Kind, das aus ihm herauskommt.

Da war eine Stimme, die zu mir sagte: Du musst sofort nach Frankreich, Deine Mutter stirbt.

Das Dritte, das mir sehr stark in Erinnerung geblieben ist: Ich habe gespürt, dass meine Mutter stirbt. Obwohl sie am Telefon bester Laune war und immer nur Witzchen gemacht hat und nichts von Krankheit gesagt hat. Da war eine Stimme, die zu mir sagte: Du musst sofort nach Frankreich, Deine Mutter stirbt. Ich habe meinen Bruder angerufen, der war in Rom, und ihm gesagt: Komm, wir fahren jetzt zur Mutter.

Und habt Ihr es rechtzeitig geschafft?

Wir sind hin und haben uns bei ihr abgewechselt. Mein Bruder und ich mussten ja beide arbeiten. Sie ist dann an einem Tag gestorben, als er bei ihr war.

Welcher Sinn ist Dir am Wichtigsten?

Ich glaube, dass es eine zwischensinnliche Wahrnehmung gibt. Ich glaube, aus allen Sinnen ergibt sich das, was man auch den Sechsten Sinn nennt. Und das ist für mich der Höchste.

Hast Du einen Trick, wenn Du Dich sehr schnell entspannen musst?

Ja, ich höre Radio. Es müssen Männer sprechen. Ich höre mir dann Vorträge an, möglichst Männer mit schönen, sanften Stimmen. Dann schlaf ich sofort ein.

Gibt es Musik, die Dich zutiefst berührt, und solche, mit der Du gar nichts anfangen kannst?

Die Vier Jahreszeiten von Vivaldi kann ich kaum anhören, weil ich sofort weinen muss. Klassische Musik, aber auch romantische Musik wie Mahler. So geht es mir auch bei der Oper. Es gibt einen Mann, der heißt Ole Dammegård, ein Däne, der große Attentate erforscht. Der behauptet, dass es Anfang der neunziger Jahre den Wunsch gab, eine Musik zu erfinden, die nicht den Frieden propagiert, sondern Krieg, Kampf und Drogen. Ich weiß nicht, ob da was dran ist, aber danach hat es mit dem Gangster-Rap angefangen.

Wenn Du mit jemandem tanzt und Dein Gegenüber kann das, ist das ein Höhepunkt der Erotik.

Rap hat ja eigentlich etwas sehr Poetisches, aber dann fing das mit dem schnellen Sex und den Nutten an, mit Texten über Geld, Frust, Kokain und Waffen, und das hat sich verkauft. In dieser Zeit leben wir immer noch. Eine der schönsten Platten, die es aus der Zeit knapp davor gibt, war ein AIDS-Benefiz-Album mit Cole Porter Tribute Songs: »Red, Hot And Blue«. Da hat fast alles mitgemacht, was damals Rang und Namen hatte, von Annie Lennox über Tom Waits bis hin zu Les Négresses Vertes.

Wie erotisch ist Musik für Dich?

Der Ton ist einfach der direkteste Weg zur Psyche. Musik öffnet wirklich Portale. Als ich damals in den USA »Out of Rosenheim« gedreht habe, gab es einen Mann, der einen Indianer gespielt hat und ich die stumme Tätowiererin. Wir sind einmal abends tanzen gegangen und haben vier Stunden am Stück nur indianisch getanzt. Da musst Du gar nichts lernen, das ist nur dieses Springen, dieses Erdkraft aufnehmen und entlassen. Ich war auch nicht müde und hatte auch keinen Muskelkater am nächsten Tag. Wenn Du mit jemandem tanzt und Dein Gegenüber kann das, ist das ein Höhepunkt der Erotik. Unter diesem Aspekt liebe ich auch Reggae.

Wie beurteilst Du die Rolle der Frau in der gegenwärtigen Gesellschaft?

Ich hab das Gefühl, dass nur die Lügnerinnen gehypt werden. Ich möchte keine Namen nennen, aber Frauen sprechen über Emanzipation, die ihre ganze Karriere auf Männerschultern aufgebaut haben. Solche Frauen sprechen dann über politisches Engagement, obwohl sie selbst widerliche Opportunisten sind. Darüber hinaus gibt es sogenannte emanzipierte Frauen, die als Chefin all ihre weiblichen Angestellten drangsalieren.

Ich hab das Gefühl, dass nur die Lügnerinnen gehypt werden.

Ich glaube schon, dass es jenseits der Öffentlichkeit eine starke Frauenbewegung gibt, keine Frauenbewegung für die Zeitung, sondern Frauen, die aufeinander zugehen in dieser weiblichen Schwingung, die sehr mysteriös und beängstigend ist, auf die sich Frauen jetzt einlassen. Ich treffe in letzter Zeit immer mehr Frauen, bei denen ich denke: Diese Frau gefällt mir. Das erlebe ich oft in solchen keltischen, schamanischen Kreisen. Da ist das Ja-Sagen zum Weiblichen drin.

Wie verteidigst Du Dich gegen Deine eigene Schönheit?

Mein Standard-Satz dazu lautet: Ich kann schön sein, wenn es unbedingt sein muss. Ich kann mich schon schön machen, auch jetzt noch. Davon abgesehen halte ich es gerne mit den französischen Maitressen. Die haben als Krone ihrer Schönheit immer Klugheit getragen, aber nicht besserwisserische Klugheit, sondern Lebensweisheit.

Was sagst Du zu Menschen, die Dich für die sexieste Großmutter der Welt halten?

Claudia Cardinale ist auch sexy! Ich bin ein Riesenfan von Vivian Westwood. Die hat einen ganz morbiden Sexappeal. In einem kommenden Theaterstück** spiele ich eine Hellseherin. Ich werde mir die Freude bereiten, mich total zu einer Vivian Westwood zu stylen.

Wie lautet Dein aktueller Theatertipp?

Linz, eindeutig Linz. Das ist derzeit fast das beste Theater im deutschsprachigen Raum. Ich habe dort die besten Schauspieler gesehen, die ich seit langer Zeit erleben durfte. Meine Enkeltochter macht ja Kostüme dort und deswegen habe ich mir viele Stücke angesehen. Ich war immer begeistert.

Was macht Dich wirklich wütend?

Ich werde sehr, sehr selten wütend. Viel zu selten. Und dann kommt es wie ein Niagara Fall, unproportioniert. Verstellung macht mich wütend, auch wenn es nur aus Bequemlichkeit geschieht wie in Ehen oder so. Damit kann ich schlecht umgehen.

Wird man als freundlicher Mensch unterschätzt?

Ohja, das ist der Zeitgeist. Viele glauben, dass Freundlichkeit Schwäche ist. Sie merken nicht, dass Du höflich bist oder nett, obwohl Du natürlich anders sein könntest. Rücksichtslosigkeit wird hingegen als Stärke empfunden, obwohl sie ziemlich eindimensional funktioniert.

Wir haben hier keinen Popularitäts-Contest. Ich bin Deine Großmutter und ich muss auch streng sein.

Was hast Du von Deinen Töchtern gelernt?

Dass es vielleicht ein Hauptsinn der Elternschaft ist, aus den Kindern zu lernen. Wenn man sich über Dinge aufregt, regt man sich eigentlich über sich selbst auf. Kinder sind immer ein Spiegel. Auch die Geister der Vorfahren spiegeln sich in ihnen wieder. Ich lerne auch viel von meinem jüngsten Enkelsohn. Ich bin fasziniert von vielen Dingen, die er sagt. Aber zugleich muss man Grenzen setzen, man kann ihn ja nicht die ganze Zeit Video spielen lassen. Wenn er sich dann aufregt, sage ich immer: Wir haben hier keinen Popularitäts-Contest. Ich bin Deine Großmutter und ich muss auch streng sein.

Hast Du letzte Nacht was geträumt?

Meine Träume sind meistens Schwerarbeit. Ich warte auf die schönen Träume, die man als junger Mensch hatte, das wäre sehr nett, die wieder zu sehen.

Wie schaffst Du Dir Freiräume, wenn Du nicht zu Hause bist wegen einer Produktion, in einem fremden Umfeld?

Gerade in dieser Situation ist der einfachste Trick eine Sprühflasche mit einem tollen Duft. Es gibt heute ganz fantastische Fläschchen, in denen nur Essenzen sind, und die versprühst Du kurz und atmest es ein. Das bringt Dich in eine andere Welt.

Zum Schluss darfst Du unseren Leserinnen und Lesern eine Frage stellen.

Warum haben Sie Angst davor, mutig zu sein? Viele Frauen haben Angst davor, frei und glücklich zu sein. Was unternehmen Sie dagegen und was hält Sie zurück?

 

* Zum Buch „Lebenslust. So kann ich mich jederzeit neu erfinden“ geht es hier.

** „Funkelnde Geister“ von Noël Coward. Zur Inszenierung am Landestheater Linz mit Christine Kaufmann geht es hier.

 

Bild: Leona Goldstein

 

Zur Gründung von seinsart 2015 hat Christine Kaufmann einen Vlog über das Glück der Verantwortung, Wege zur Gesundheit und die Freiheit des Augenblicks für uns aufgenommen. Zu diesem Vlog geht es hier. Danke, Christine. Wir werden Dich sehr vermissen.

bildschirmfoto-2017-03-28-um-10-07-27

 

 

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>