Für die zweite Folge unserer Reihe „Kein Handycap“ haben wir uns mit Reitlehrerin Michaela Fuchs getroffen. Die humorvolle Kämpfernatur hat ihre Sehbehinderung in eine aktive Stärke umgewandelt: Statt sich in ihrer Bewegung einschränken zu lassen, trifft sie mit ihrem Engagement die Menschen und Tiere, mit denen sie arbeitet, direkt ins Herz.

Schon unser erstes Zusammentreffen sagt viel über sie aus. Nicht ich hole Michaela Fuchs von unserem Treffpunkt ab, sondern sie mich. Lässig gekleidet, mit cooler Sonnenbrille, kommt sie mir entgegen und ich denke: Die ist doch nicht blind. Die ist völlig normal. Wir laufen zu ihrer Wohnung in Berlin-Rudow durch eine Parkanlage, in der sie mich vor Unebenheiten des Weges warnt. Verkehrte Welt, denke ich schmunzelnd. Ihre kleine, gemütliche Wohnung mit Garten gibt Indira, ihrem Blindenhund, Freund und Begleiter, auch an Tagen, an denen sie das Sonnenlicht nicht aushalten kann, die Möglichkeit des Auslaufs.

Michaela ist seit Geburt an der Stoffwechselstörung Albinismus erkrankt, durch welche ihr Körper das für die Pigmentbildung der Haut, Haare und Augen notwendige Melanin nicht bilden kann. Ihr Haar ist weiß, ihre Haut kann Licht und Hitze kaum vertragen. Außerdem ist sie fast blind. Ein Sehrest von drei Prozent reicht gerade, um Farben und Kontraste zu sehen. Doch durch den Blick ihrer hellblauen Augen in mein Gesicht und die mir zugewandte Körperhaltung vermittelt sie mir den Eindruck, dass sie mich sieht.

Aufgewachsen mit zwei gesunden Geschwistern auf einem Bauernhof des idyllischen Örtchens Rötenberg im Schwarzwald, kommen ihre Eltern mit ihrer Behinderung nicht klar. Eine schwierige Familiensituation – der Vater trinkt – prägt das Familienleben. »Die meisten Behinderten«, erzählt mir Michaela, »wachsen überbehütet auf. Aber meinen Eltern war alles egal. Der Plan für mich war die Behindertenwerkstatt. Vielleicht war das mein Glück. Ich habe früh gelernt zu kämpfen.«

seinsart | Michaela Fuchs

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Jugendliche entdeckt sie den Sport als Chance, um diesem für sie geplanten Weg und der häuslichen Enge zu entkommen, und beginnt ihre Karriere als Skilangläuferin. Hierbei haben Sehbehinderte und Blinde Begleitläufer, sogenannte Piloten, die ihnen zurufen, wo es langgeht. Mit 18 tritt Michaela ihren ersten internationalen Wettkampf an und beginnt später das Tandemfahren. Auch hier navigiert sie ein Pilot als Vordermann. Mit ihm holt sie 2000 bei den Paralympics in Sydney die Goldmedaille.

Michaela wollte sich nie in die Behinderten-Ecke abschieben lassen. Sie besucht eine Schule für Sehbehinderte und Blinde und macht dort ihren Hauptschulabschluss, doch ihr Traum ist das Abitur. »Mit 16 wollte ich raus aus der Welt der Behinderten und mich mit Normalen messen.« Auf einer »normalen« Schule erreicht sie die Mittlere Reife und bewirbt sich an drei Schulen, um das Abitur nachzumachen. »Alle haben mich abgelehnt wegen meiner Behinderung.«

Da sie gut mit Kindern kann, beginnt sie eine Ausbildung als Erzieherin, meistert alle Anforderungen und wird in einem Kindergarten übernommen. Zu den Kleinen hat sie ein gutes Verhältnis, doch die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist schwierig. »Die haben gegen mich intrigiert, so dass ich die Stelle verlor.« So passt es gut, als eine Freundin aus Berlin ihr von vielen Schulen dort erzählte, an denen man das Abitur nachmachen kann. »Der Direktor des Charlotte-Wolff-Kollegs in Charlottenburg war anfangs skeptisch. Aber ich habe es geschafft.«

Verschiebe Deine Träume nicht auf später!
(Michaela Fuchs)

Eine Ausbildung zur Heilpädagogin mit Anfang Dreißig schließt sich an. Bei der Jobsuche steht ihr wieder die Behinderung im Weg, und sie sucht einen neuen Weg. Als Schulhelferin arbeitet sie stundenweise an der Grünauer Schule im Südosten Berlins. Hier ist sie eine geschätzte Kollegin und liebevolle Begleiterin der Kinder, die außerdem Indira sehr ins Herz geschlossen haben. Gerne würde Michaela eine volle Stelle haben, um endlich pädagogisch arbeiten zu können.

Ihr Traum ist es, mit Kindern und Tieren gemeinsam zu arbeiten. Durch den plötzlichen Tod eines Freundes wird ihr bewusst, wie wichtig es ist, Träume nicht auf später zu verschieben. »Mein großer Traum war immer, ein eigenes Pferd zu haben, doch durch den Leistungssport war das nicht möglich.« Um diesem Traum näherzukommen, macht sie eine therapeutische Reitausbildung. Wieder einmal beschließt sie, sich selbst und anderen zu zeigen, dass auch Menschen mit Behinderung Besonderes leisten können.

Auf dem Appaloosa-Wallach Diamond und in Begleitung ihres damaligen Blindenhundes Rex reitet sie im Sommer 2009 von Rötenberg im Schwarzwald nach Berlin. In 30 Tagen legen sie und ihre vierbeinigen Begleiter rund 800 Kilometer zurück. Unterstützt wird sie dabei von einer Freundin, die sie als Trosserin begleitet. Damit Michaela sich nicht verirrt, hat sie ein Navigationsgerät bei sich, das ihr über Sprachbefehle die Richtung weist. Sie kommt pünktlich und wohlbehalten in Berlin an und beweist allen Skeptikern, dass auch ein Handicap wie Ihres kein Hindernis für besondere Leistungen sein muss.

seinsart | Michaela Fuchs

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr Vorbild ist Sabriye Tenberken, eine Blinde, die alleine bis nach Tibet reiste und dort, trotz vieler Widerstände, eine Blindenschule eröffnete. Denn auch Michaela wird im Alltag vieles nicht zugetraut, und bis heute sucht sie beruflich vergebens nach einer Festanstellung. Dann kommt ihr vor fünf Jahren der Zufall zu Hilfe. Eine Pferdezüchterin, für die Michaela arbeitet, schenkt ihr als Dankeschön ein weißes Shagya-Araber-Fohlen, und wenig später kann sie mit Glück einen zweiten schwarzen Araber günstig erwerben. Ihre beiden »Jungs«, wie sie sie liebevoll nennt, Gamal ibn Shaman und Black Raisuli, stehen auf dem Reithof Lalelu in Mahlow, auf dem sie jede freie Minute verbringt. »Die beiden sind wundervolle Tiere. Mit ihnen möchte ich anderen Menschen durch eine Reittherapie helfen.«

Wenn sie mit dem Fahrrad und Indira im Anhänger die ihr bekannte Strecke dorthin fährt, darf kein Hindernis im Weg sein. »Sonst flieg ich. Aber was wäre die Alternative? Zu Hause sitzen und warten, dass jemand Zeit hat? Immer abhängig bleiben? Nein!«

Auf meine Frage, was sie sich wünschen würde, sagt sie: »Irgendwo ein Minihäuschen für mich und Indira mit viel Auslauf für meine Jungs. Dann wäre mein Glück komplett.« Bei unserer herzlichen Verabschiedung bin ich mir sicher: Auch das wird sie schaffen.

 

Bilder: Natascha Zivadinovic

Written by Astrid Winterfeld

Astrid Winterfeld studierte Film- und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Ihr besonderes Interesse gilt Menschen, die sich in sozialen Projekten engagieren. Ihr Themenspektrum reicht von Künstlerporträts bis hin zu ganzheitlichen Lebensansätzen.

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