Am Ende der vorherigen Folge habe ich mich gefragt, ob ich es schaffen würde, die Energie, die ich aufbrachte, um mich an zuckerfreie und glutenfreie Rezepte heranzuwagen, zu halten. Nun, die Sorge war unberechtigt. Ich kann nur sagen: Zu diesem Zeitpunkt seiht gerade ein Naturjoghurt in meinem Kühlschrank ab. Ich habe ihn in ein (selbstverständlich gewaschenes) altes Spucktuch meiner Tochter gefüllt (der Mullstoff ist besonders gut geeignet), das Spucktuch über einen Löffel verknotet und das Ganze über eine Schüssel gehängt. Da hängt er nun, der Beweis meiner mittlerweile schon leicht manisch anmutenden Ernährungsumstellung. In 24 Stunden wird es mein erster selbstgemachter Frischkäse sein. Ohne Zucker, Zusatzstoffe und Gelantine. Ich bin also auf dem besten Wege, ins Reich der Chiasamen abzutauchen.

Die Bilanz der letzten Woche: Sechs neue Gerichte, davon leider nur zwei wirklich überzeugend: Knäckebrot mit Mandelmehl und – ja – Chiasamen sowie Kokoseis mit Vanilleextrakt, Orangenschalen, Reissirup und ähem, Chiasamen. Aber zunächst einmal gab es einen herben Rückfall. Und zwar nicht in Sachen Zuckerschock oder Glutenschlacht. Ich war einfach nur mal wieder wie so oft zu schlapp, um einkaufen zu gehen. Mein typisches Samstagstief, bei dem ich meinen Pflichten eine komplette Absage erteile: Einkaufen, Saubermachen, Eltern anrufen, Kind bespaßen. Keine Lust. Einfach nur im Bett liegen und Kaffee trinken. Klingt nach den Anfängen einer depressiven Verstimmung? Ist aber der normale Weekflow einer Workingmom. Ja, alle, die jetzt denken, sie sind auf einem Muttiblog gelandet, können kurz die Augen verdrehen. Das Kapitel „Familie und Zuckerfrei” kommt später. Ich war von dem vielen Einkaufen, Zubereiten, Probieren und in der Küche stehen einfach erschöpft. Die große Vereinbarkeitslüge schlug auch hier wieder unerbittlich zu.

In solchen Situationen brauche ich Pfannkuchen. Ich schmeiße Eier, Mehl, ein ganz bisschen Milch und Backpulver zusammen und brate mir unfassbar leckere American Pancakes mit Ahornsirup und klitzeklein geschnittenen Bananen. Geht ja nun nicht mehr. Stattdessen pflückte ich flugs ein schickes Buchweizenmehl-Kokosnussmilch-Pfannkuchen-Rezept von einem Clean Eating-Blog, den ich neu entdeckt habe: www.mydailygreen.de Ich hatte mir extra Blaubeeren besorgt, da Beeren ja merkwürdigerweise erlaubt sind – verschiedene Lebensmitteltabellen sagen, dass diese Früchte entweder besonders viel oder besonders wenig Fruktose enthalten; ich gehe einfach mal von letzterem aus.

Um es kurz zu machen: Es war ein okay. Aber eben auch nicht das, was ich ansonsten bekomme, wenn ich American Pancakes esse. Ich war zwar angenehm satt und süß war es ja dank des Reissirups auf den Beeren und dem Steviagranulat im Pfannkuchenteig auch. Aber das Gefühl, sich jetzt gerade etwas eine unfassbar leckere Schweinerei gegönnt zu haben, die Glückshormone und jede Menge Insulin freisetzt, blieb aus.

Merkt man was? Auch in dieser Erfahrung steckt eine größeres Thema. Das Thema hat viele Namen. Es hängt irgendwie mit der Funktion zusammen, die Essen für uns hat. Neben dem Sattmachen, neben der Nahrungszufuhr, die uns lebensnotwendige Stoffe für unseren Körper liefert, ist Essen eben auch unser ganz persönliches, kleines Territorium der Alltagssüchte. Und es ist Kulturtechnik, die zu ändern uns in ungeahnte Konflikte mit unserer Umwelt bringt.

Ich fing an, über meine persönliche Essensbiographie nachzudenken. Dass kleine süße Nachspeisen zu den schönsten Kindheitserinnerungen gehören, habe ich ja schon erzählt. Bei uns gab es außerdem nur „gute Schokolade“, wie meine Mutter zu sagen pflegte. Ich sehe sie förmlich mit ihrer weißen Rosenthal-Teetasse in der Hand auf dem Sofa sitzen, dazu eine angebrochene Lindt-Schokoladenpackung („Lindor oder Cresta, etwas anderes kommt mir nicht ins Haus”) in irgendein Buch über C.G. Jung oder Rudolf Steiner vertieft die Sonntagnachmittage verbringen. Sie war es aber auch, die mich in den Achtziger Jahren mit in die ersten Bioläden schleppte. „Wir mahlen unser Korn jetzt selbst” hieß es mit Nachdruck. Dazu wurde auch locker mal 12 Kilometer mit dem Auto zur einzigen „Schrot & Korn“-Filiale unserer norddeutschen Kleinstadt gefahren. Und zum Nachtisch gab es dann süßen Hirsebrei. Bio ja, nur eben zuckerfrei, das war meine Kindheit nicht.

Später dann der erste Schritt zur Selbstversorgung. Bei meinen Nachforschungen in diversen Foodblogs stoße ich immer wieder auf ähnliche Erfahrungsberichte, in denen die Protagonistinnen (auch Sarah Wilson gehört mit ihrem bekannten iquitsugar.com dazu) davon berichten, dass die Wurzeln ihrer späteren Nahrungsmittelallergien oder Reizdarm-Symptome in der ersten Zeit ihres Erwachsenenlebens liegen. Den Erzählungen nach haben es diese Frauen nicht geschafft, sich angemessen zu ernähren und gleichzeitig selbstständig zu werden. Das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist wesentlich schmerzhafter, trifft aber meiner Meinung nach auf nahezu alle jungen Frauen und auf bestimmt auch auf recht viele junge Männer zu: Ich nenne es mal „kontrolliertes Essen“. Passend dazu ist auch, wie oft ich in den letzten Wochen den Satz: „Ist doch super, dann nimmst du richtig schön ab“ gehört habe. Essen hat immer auch mit Nichtessen zu tun. Oder damit, gehaltvolles Essen durch verlogene Lightprodukte zu ersetzen beziehungsweise den Körper mit einer einseitigen Ernährung zu stressen.

Später ist Essen – zumindest bei mir – auch immer eine Zeitfrage gewesen. Wer voll ausgelastet durch den Alltag düst, hat selten Zeit, sich sämtliche Nahrungsmittelangaben auf seinem Senf, auf seinem Fruchtjogurt, auf seiner Käsepackung oder seinen Frischkäseaufstrichen anzuschauen. Aber jetzt, wo ich mich selbsternannte Expertin auf Kurzzeit oute, komme ich quasi mit jedem ins Gespräch. In der Kita, auf der Arbeit, im Freundeskreis. Offensichtlich geht das Thema „Ernährung” jeden an. Und jeder hat eine Meinung dazu. Fühlt sich angesprochen. Lehnt meine neue Ernährungsweise vehement ab oder – und das ist wirklich erstaunlich –  schließt sich mir ohne medizinische Diagnose an. Ich bin gespannt, ob ich jetzt in die wirklich dogmatische Richtung abdrifte und anfange, wie mein Großvater Zucker öffentlich zu verteufeln. Was mich aber wirklich interessiert ist: Warum gibt es keine öffentlich gesteuerte Aufklärung über unseren wahren Zuckerkonsum in Deutschland?

Lieblingsrezept dieser Woche, gefunden auf mydailygreen.com:
Süßkartoffel-Möhren-Suppe

 

Bilder: go_see (Titel); Cosima Grohmann

 

Alle Teile von „My Sugarfree Diary“ hier auf #seinsart:

Teil 1  |  Mein aufgeblasener Luftballon
Teil 2  |  Kalter Entzug! Meine erste Woche ohne Zucker und Gluten
Teil 3  |  Auf dem Weg ins Reich der Chiasamen
Teil 4  |  Achtung, Fallen! Zuckerfrei leben mit Kindern

 

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Written by Cosima M. Grohmann

Cosima M. Grohmann hat Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte studiert und arbeitet als Redakteurin in einer Berliner Agentur. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für den Tagesspiegel, die zitty, die Frankfurter Rundschau und fluter.de zu Themen, die das Leben schöner machen und besser aussehen lassen.

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