Der Herbst ist da. Bei einem nachmittäglichen Spaziergang durch eine goldene, sonnige Seitenstraße in Berlin-Kreuzberg fällt mein Blick auf ein weißes Schild im Vorgarten eines Mehrfamilienhauses. In großen, blauen Lettern steht dort der französische Slogan: „Les petits frères des Pauvres“ – was auf deutsch „Die kleinen Brüder der Armen“ bedeutet. Ich betrachte das Schild weiter und entdecke eine deutsche Version: „Freunde alter Menschen e.V.“

Mir gefällt dieser schön klingende Name, und unwillkürlich lenken mich meine Schritte in den Vorgarten. Das Büro liegt im Souterrain des großbürgerlichen Mietshauses aus der Gründerzeit mit einem einladenden kleinen Gärtchen, in dem eine hübsche braune Holzbank zum Verweilen einlädt und ein junger Mann gerade damit beschäftigt ist, ein verwelktes Beet neu zu bestellen. Auf meine Frage, welche Blumen hier im Frühjahr erscheinen werden, verrät er mir: hellblaue Vergissmeinnicht.

Ich bin angezogen von diesem Ort, der schon von außen einladend wirkt und beschließe – neugierig geworden, was sich hinter diesem für mich so schön klingenden Namen wohl verbirgt – einzutreten. Nach nur wenigen Stufen in das Innere des Büroladens erblicke ich eine blonde, sehr agile Frau in den Vierzigern, die an einem Schreibtisch sitzt und telefoniert. Sie sieht mich, schaut auf und bedeutet mir mit gewinnender Freundlichkeit, kurz zu warten.

Ich betrachte den Ort. Das Büro ist in hellen, warmen Farben gestrichen. An den Wänden hängen Fotos von fröhlichen jungen und alten Menschen, gemeinsam in Wohnungen oder an öffentlichen Orten in harmonischer Zweisamkeit oder in Gruppen. Meine Neugierde wächst. Was habe ich hier entdeckt? Die Dame beendet ihr Telefonat und stellt sich vor. Sie sei Frau Heine, die Koordinatorin dieses Standortes.

Bereits zu Beginn unseres Gespräches strahlt mir ihre offene, freundliche Art entgegen, die einem das Gefühl gibt, sofort willkommen zu sein. Schnell kommen wir in eine Unterhaltung. Obwohl sie nur wenig Zeit hat, erzählt sie mir voller Enthusiasmus von diesem gemeinnützigen Verein und seinen Menschen, ihrer langjährigen Arbeit als Koordinatorin und den vielen Freiwilligen, die sie mit den alten Freunden, wie sie diese liebevoll nennt, zusammenbringt und betreut. Aber der Reihe nach…

Alternde Menschen sind wie Museen: Nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Innern.

1946 gründete der Franzose Armand Marquiset „Les petits frères des Pauvres“. Sein Ziel war es, einsamen, alten Menschen in einer schwierigen Lebenssituation Hilfe anzubieten und ihnen mit Zuneigung und Freundschaft zu begegnen. Aus dieser ursprünglichen großherzigen humanistischen Idee wurde in der Zwischenzeit eine internationale Föderation, die in Frankreich, den USA, Spanien, Kanada, Mexiko, Polen, Irland, der Schweiz und Deutschland aktiv ist.

In jedem der Länder hat sie zur besseren Identifikation einen eigenen Namen in der jeweiligen Landessprache.So gibt es zum Beispiel in Spanien die „Amigos de los mayores“, in den USA die „Little Brothers – Friends of the Elderly“ und in Frankreich und Kanada die „Les petits frères des Pauvres“. Weltweit engagieren sich über 21.000 Freiwillige und Mitarbeiter gegen die Vereinsamung und Armut alter Menschen. Mit seinem Motto „Blumen vor dem Brot“, so erzählt mir Frau Heine, möchte der Verein symbolisch ein Zeichen setzen, denn Blumen symbolisieren Freundschaft, während Brot für die notwendige materielle Versorgung steht.

Die Philosophie und die Lebensprinzipien des Gründers Armand Marquiset, insbesondere nach Freundschaft, Loyalität und Respekt vor der Einzigartigkeit jedes Menschen, bestimmen die Werte der Arbeit des Vereins bis heute. Er ist keiner kirchlichen oder staatlichen Organisation oder anderen Glaubensgemeinschaften oder Interessengruppen verpflichtet und orientiert sich in seinem Weltbild an sozialen, demokratischen und nicht zuletzt christlichen Wertmaßstäben, ohne dabei einer religiösen oder politischen Einstellung einen Vorzug zu geben oder eine solche vorauszusetzen.

In Deutschland sind die Freunde alter Menschen seit 1991 in den Städten Köln und Berlin aktiv. Neben den beiden Standorten in Berlin-Kreuzberg und Berlin-Mariendorf gibt es seit Januar 2014 eine dritte Dependance des Vereins in der Drei-Millionen-Stadt Berlin. Die Arbeit des Vereins konzentriert sich an allen Standorten auf Menschen im hohen Alter ab 75, die oft nicht mehr mobil und dadurch von Isolation und Einsamkeit bedroht sind. Allein in Berlin werden mehr als hundert alte Freunde betreut. Und es werden wöchentlich mehr.

Das wichtigste Ziel dieser Treffpunkte ist es, alte Menschen dabei zu unterstützen, so lange wie möglich selbstbestimmt in der eigenen Wohnung zu leben. Oftmals sind Familien zerbrochen oder zu weit weg und Freunde verstorben, so dass die Isolation, besonders in Städten, zunimmt. Professionelle Pfleger oder Betreuer bleiben nicht selten der einzige Kontakt zur Außenwelt. Meist bleibt keine Zeit für ein persönliches Gespräch, einen gemeinsamen Spaziergang oder für andere Dinge, die das Leben menschlicher und wärmer machen. Zusätzlich sind alte, von der Einsamkeit bedrohte Menschen in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Medien kaum präsent. In soziologischen Untersuchungen und Statistiken zum Thema Alter tauchen sie nur selten auf.

Alten Menschen als gleichberechtigten Freunden zu begegnen und sie nicht nur auf Empfänger unterschiedlicher Hilfsangebote zu reduzieren, gibt ihnen ihre Würde zurück.

In unserer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer älter werden, sollte das Verhältnis zu alten Menschen überdacht und verändert werden. Oftmals treten ideelle Werte wie emotionale Zuwendung, soziale Verantwortung und Toleranz in den Hintergrund, da Menschen primär nach ihren Leistungen bewertet werden. Dem möchten die freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins etwas entgegensetzen. Menschen unterschiedlichen Alters aus derzeit elf Nationen engagieren sich hier. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, soziale Kontakte und persönliche Begegnungen zu schaffen, damit wieder Hoffnung und Lebensfreude in das Leben einsamer alter Menschen einziehen kann.

Dabei haben sie oft unterschiedliche Gründe, erzählt mir Frau Heine weiter. Die Freiwilligen wollen mit ihrer Arbeit etwas Gutes tun und einem alten, einsamen Menschen Lebensfreude zurückgeben. Gleichzeitig können sie durch ihre Arbeit viel von ihm erfahren und lernen. Sie haben dadurch die Möglichkeit, eine gute Einstellung zum eigenen Alter zu entwickeln. Außerdem können Freundschaften mit alten Menschen und anderen Freiwilligen geknüpft werden.

seinsart | Ursula HeineEine davon ist Ursula Heine. Seit dreizehn Jahren ist sie die Koordinatorin des Standortes in Berlin-Kreuzberg und führt hier Freiwillige und alte Freunde zusammen. Durch ihre herzliche, warme Art findet sie schnell Zugang zu den Menschen und sucht mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl den jeweils passenden Freiwilligen für einen alten Freund. Selbst schwierige „Fälle“ konnte sie erfolgreich vermitteln.

Wer mitarbeiten möchte, sollte anrufen, ein kurzes Bewerbungsgespräch mit ihr führen und ein Formular ausfüllen, das sich auf der Webseite des Vereins herunterladen lässt. Grundsätzlich kann sich jeder aktiv beteiligen, ohne einen Mitgliedsbeitrag entrichten zu müssen. Neben der Angabe der Daten des Freiwilligen können auf dem Formular persönliche Wünsche angegeben werden, in welchen Bereichen des Vereins sich der Interessent engagieren möchte.

Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten der Mitarbeit: Der Verein vermittelt regelmäßige Besuchspatenschaften und organisiert einen Telefondienst für alte Menschen, die zwar angerufen, aber nicht besucht werden möchten, da ihnen dafür vielleicht die Kraft fehlt. Außerdem finden gemeinsame Ausflüge, Kaffee-Nachmittage, familienähnliche Feste, wie zu Weihnachten oder Ostern, Spiele- und Themennachmittage statt, die stets von den Freiwilligen organisiert werden. Da einige von ihnen aus unterschiedlichen Ländern kommen, ermöglichen sie den alten Freunden bei solchen Veranstaltungen auch einen Einblick in ihre Kultur. Dadurch entstehen auf beiden Seiten viele neue Anregungen. Gemeinsames Ziel aller Aktivitäten ist es, dass sich peu à peu eine Freundschaft auf Augenhöhe entwickelt.

Neben diesen regelmäßigen Aktivitäten berät und informiert der Verein zu Themen rund um das Alter. Die Arbeit der Freunde alter Menschen findet nicht nur bei den betreuten Personen großen Anklang, sondern auch sozialpolitisch immer mehr Interesse. Er ist als förderungswürdiger Verein anerkannt und Mitglied des paritätischen Wohlfahrtsverbands. Bereits 2009 wurde er im Rahmen der Initiative „ Deutschland – Land der Ideen“ aus über 2000 Mitbewerbern ausgewählt und als »innovativer Ort« ausgezeichnet. Trotzdem ist er in Zeiten knapper Kassen neben der Unterstützung einiger Förderer und Partner auf Spenden angewiesen, um seine Arbeit auch weiterhin unabhängig und kontinuierlich fortsetzen zu können. Jede auch noch so kleine finanzielle Unterstützung ist herzlich willkommen.

Als ich nach unserem Gespräch aus dem Souterrain des Hauses in die Berliner Herbstsonne zurückkehre und noch kurz auf der kleinen Bank des Vorgartens verweile, freue ich mich doppelt. Zum einen über ihre wärmenden Strahlen, die zwitschernden Vögel und die frisch gesäten Vergissmeinnicht in diesem friedlichen Vorgarten. Zum anderen über das Bewusstsein, hier einen Ort entdeckt zu haben, an dem Menschlichkeit Berge versetzt.

Helfen auch Sie, alte einsame Menschen vor der Einsamkeit zu bewahren, und geben Sie ihnen ihre Lebensfreude zurück. Sie haben die Möglichkeit, diese Arbeit mit ihrer Mitarbeit, einer einmaligen Spende oder einer Fördermitgliedschaft zu unterstützen. Dies ermöglicht es Ihnen, die alten Freunde regelmäßig zu unterstützen und, sofern Sie es wollen, über die Geschicke des Vereins mitzubestimmen.

 

seinsart | Alte Freunde sind die besten

 

 

Freunde alter Menschen e. V.
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Bilder: Freunde alter Menschen e.V., Astrid Winterfeld (Porträt)

Written by Astrid Winterfeld

Astrid Winterfeld studierte Film- und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Ihr besonderes Interesse gilt Menschen, die sich in sozialen Projekten engagieren. Ihr Themenspektrum reicht von Künstlerporträts bis hin zu ganzheitlichen Lebensansätzen.

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