Es wird Zeit. Es wird Zeit uns einzugestehen, dass all diese Muslime, die in unserem Land seit den 1960er Jahren leben, unsere Gesellschaft in den Grundfesten erschüttern. Es wird Zeit, uns einzugestehen, dass es die Migranten aus Afrika sind, die unser Land in Gewalt und Chaos stürzen werden, nachdem sie uns zuvor wirtschaftlich ruiniert haben. Es wird Zeit zu begreifen, dass unsere Drogentoten, unsere Selbstmörder, unsere Gewalttäter nichts weiter sind als das Produkt unserer Gender-Debatten und linksgrün dominierten Medien. Es wird Zeit uns einzugestehen, dass Perversion die Folge einer Abkehr von der Kirche ist und ihren unabänderlichen Werten.

Oder aber, alles, was ich oben gesagt habe, ist vollkommener Unsinn und wird dennoch Tag für Tag, Post für Post im ganzen Netz verbreitet und findet seinen Weg in Freundes- und Bekanntenkreise, in Diskussionen am Arbeitsplatz und bei Familienfeiern, in Artikel, auf Plakate und sogar in Filme. Ich möchte explizit erwähnen: Ich verstehe die Skepsis, die Sorge, die Angst, die Hysterie, die um sich greift, im Kern sehr wohl. Ich gehöre nicht zu den Appeasement-Journalisten, die den Anschein erwecken, mit Humor und Sarkasmus den Status Quo über berechtigte Kritik zu stellen. Dies ist ohnehin verschwendete Zeit und verschwendetes Geld, entweder von Seiten des Steuerzahlers (aka Staatsfunk) oder qua Kosten durch den Erwerb eines Mediums (aka Lügenpresse).

Ja, es gärt, Ja, es gärt, obwohl es uns verhältnismäßig gut geht. Ja, es gärt, weil es trotzdem gute Gründe dafür gibt. Aber mal ganz ehrlich: Wer in Deutschland zur Schule gegangen ist, hat die geistige Kapazität zu erkennen, dass die derzeit im Umlauf befindlichen Erklärungsansätze und Feindbilder am Kern vorbei gehen. Soweit zu meiner Form des Patriotismus: Ja, unsere Bildung ist weitaus besser als in vielen Teilen der Welt. Das scheint uns aber nicht davor zu bewahren, zunehmend dümmer oder unreflektierter als ein großer Teil der Welt zu handeln. Die traurige Wahrheit lautet doch: Halbbildung ist wesentlich gefährlicher als Unbildung.

 

Mord kommt von Masse

So hat das in diesem Land nicht ganz zu Unrecht vorbelastete „gesunde Volksempfinden“ einen gewaltigen Haken: Liebhaber des Völkischen neigen dazu, das Gesunde vom Volksempfinden zu scheiden. Empathie, Fürsorge und Selbstlosigkeit sind wichtige Bestandteile menschlicher Instinkthaftigkeit und somit ein wesentlicher Teil dieser verklärten „natürlichen Empfindung“ eines Volks. Diese Instinkte aber waren in jenem Herbst 2015 die Grundlage für das Verhalten der so genannten Gutmenschen – und nicht für die Skepsis der Patrioten. Fremdenhass, Eifersucht und Gewaltphantasien mögen auch Teil des „Volksempfindens“ sein; aber erst, nachdem sie von Führern mit handfesten Eigeninteressen in letzteres gründlich einmassiert worden sind.

Denken wir an eine beliebige Situation in der Geschichte – und nein, ich werde den Holocaust nicht bemühen, dieses von Politik und Journalismus tot gerittene Pferd, das immer dann besonders eifrig bestiegen wird, wenn es so ganz und gar deplatziert ist. Ich will stattdessen an all die längst vergessenen Pogrome der Geschichte erinnern, die uns in jedem Jahrhundert, in fast jeder Kultur mit ihrer hässlichen Fratze anblicken wie mahnende Souvenirs einer mit Schweinereien nicht geizenden Unmenschlichkeit. Der Versuch der Ausrottung von Sündenböcken ist beileibe nicht auf Juden beschränkt, auch wenn diese ein gewisses Privileg im Extinktionshandwerk besitzen. Ich denke an Jahrhunderte europäischer Geschichte, in der Juden aus Städten vertrieben wurden, getötet und verfolgt, um von echten politischen Nöten und Sorgen abzulenken. Ich denke an die Griechen Istanbuls, ich denke an die Muslime Andalusiens, ich denke an die Ureinwohner Amerikas und Australiens, in jeder Religion und in jeder Ecke der Welt sind Täter zu finden und Opfer zu beklagen.

Nein, ich werde den Holocaust nicht bemühen, dieses von Politik und Journalismus tot gerittene Pferd.

Worauf ich aber hinaus will mit diesem kleinen, wütenden Beitrag: Immer waren Pogrome und Antisemitismus, Christenhass und Islamfeindlichkeit ein Mittel zur Besänftigung des Volks, eine willkommene Methode, gesundes Volksempfinden an die Stelle gesunder Menschlichkeit zu stellen. Der Mensch an sich mag zu Perversionen neigen, zu Unehrlichkeit und Trickserei – aber erst in der Masse, im Kollektiv wird daraus eine massenmörderische Waffe. Der einfache, allein handelnde Mensch wird in der Regel Schutz gewähren und helfen, davon erzählen alle Religionen, nicht nur die drei mit dem alleinigen obersten Gott, die sich bis heute so allein weise wähnen. Dies ist auch in polytheistischen und atheistischen Traditionen tief verankertes, weil auf Erfahrung und nicht auf Offenbarung basierendes Wissen.

 

Zeit aufzuwachen!

Wenn wir einmal all den Schutt, all die Glaubenssätze, all die Hysterie von Lügenpressen, NATO-Hassern und NATO-Propagandisten, Putin-Verstehern und Putin-Hatern beiseite lassen, wenn es uns für einen Augenblick mal egal ist, ob wir eher zu den Linken oder zur AfD neigen, ob wir lieber Schweineschnitzel oder Döner essen – dann wird es endlich möglich sein für uns alle, genauer hinzusehen. Noch ist Zeit. Wer hat ein Interesse daran, uns so aufeinander losgehen zu lassen? Wer profitiert davon, uns zu Waffen zu machen, die sich gegen Schwächere richten? Muslime? Vielleicht. Juden? Vielleicht. Abendländer? Vielleicht. Aber eben nicht alle Muslime, nicht alle Juden, nicht alle Abendländer.

Ich sagte es bereits: Die Wut, die Angst, die Sorge, all das ist fühlbar und berechtigt. Doch woher stammen diese Gefühle, diese geistigen Brandbomben, die uns kollektiv in den Wahnsinn treiben? Sie kommen nicht von ungefähr. Ja, sie sind berechtigt. Und so verwundert es wohl kaum, wenn ich bekenne: Meine Wut auf Euch Wütenden macht mich nicht blind für Euer Leid, denn niemand hasst gerne oder umsonst. Ihr fühlt etwas, was im Kern berechtigt ist. Aber Achtung: Euer Gefühl wird instrumentalisiert.

Wer profitiert davon, uns zu Waffen zu machen, die sich gegen Schwächere richten?

Fragt Euch nicht, ob Ihr Recht habt mit Eurer Wut, Ihr Wutbürger dieser Welt. Fragt Euch lieber, wer Euch die Zielscheiben aufgestellt hat, auf die Ihr Eure Wut nun so lautstark, aber sinnlos richtet. Wird diese Gesellschaft glücklichere Menschen produzieren, und das weltweit, wenn Mauern um Länder gebaut sind und alle endlich wieder brave Christen, Wahabiten oder (National)sozialisten sind? Ihr Menschen, die Ihr am am liebsten shoppen geht, Fast Food esst, Verpflichtungen umgeht, Genuss zum Maßstab macht und Nächstenliebe für ein einklagbares Recht haltet: Es wird Zeit, aufzuwachen. Ihr werdet verarscht. Wir werden alle verarscht. Weil es handfeste Eigeninteressen gibt, die unsere Wut nicht gebündelt sehen will, sondern aufgeteilt und gegen uns selbst gerichtet. Weil wir nicht zu den Waffen greifen sollen, sondern lieber zu Selbstmordattentätern mutieren – egal in welchem Namen.

 

Das Gute lauert überall

Hinter all dem, was ich hier andeute, stecken keine geheimen, unmenschlichen Kräfte oder Mächte, die sich durch Religion, Rasse oder gar Sektenzugehörigkeit von der rechtlichen Menschheit emanzipiert hätten. Nicht der Übermensch ist unser Gegner, sondern der Mensch. Der Mensch, der aus Eigennutz Menschenleben opfert, der für Karriere und Geld, aus Bequemlichkeit und oftmals nur für einen Kick die Fäden der Macht zu seinem Vorteil zu ziehen versteht. Dieser Mensch sind wir alle. Wir alle tragen diese Fähigkeit zur Unfähigkeit in uns, auf unsere Instinkte zu hören, die auf Ausgleich und Zärtlichkeit ausgerichtet sind. Wir alle kennen das Gefühl, eine Grenze zu übertreten, die wir besser nicht angetastet hätten.

Es hilft aber nichts, uns im Nachhinein Führer zu suchen, die uns erklären, dass dieses Verhalten berechtigt war und ist. Diese Führer mögen uns blenden, doch täuschen, im tiefsten Inneren, können sie uns nicht. Das gesunde Volksempfinden mag betäubt werden können, doch getötet werden kann es nicht. Jeder Sunni, der einen Shiiten, jeder Israeli, der einen Palästinenser, jeder Flüchtling, der eine junge deutsche Frau, jeder Priester, der einen Schutzbefohlenen missbraucht, quält oder tötet (und vice versa!), weiß um seine Tat. Er mag sich betrinken, er mag sich betrunken machen lassen, doch er weiß und er wird nicht vergessen.

Das gesunde Volksempfinden mag betäubt werden können, doch getötet werden kann es nicht.

Hass, Wut, Folter, Verachtung und Vorurteile sind Herrschaftsinstrumente, keine Naturkatastrophen. Die altmodischen Worte, die ein gewisser Joshua-Jesus-Isa von Nazareth vor zweitausend Jahren in sein Gebet aufnahm, sind aktueller denn je zuvor: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Gott kann man um so etwas bitten, die globalen Strippenzieher aber, die schon zu seiner Zeit die Rolle Gottes an sich gerissen hatten, werden auf fromme Bitten kaum hören. Es ist an der Zeit, unseren Hass, unsere Verwirrung, unsere Angst in einen Schlachtruf umzuwandeln. „Zum Teufel mit Eurer Versuchung, wir erlösen uns jetzt erstmal von Euch!“

 

Bild: johnhain

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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