Der römische Kalligraph Furius Dionysius Filocalus war nicht nur ein guter Freund des damaligen Papstes Damascus I. – er war es auch, der im Auftrag eines christlichen Aristokraten den so genannten »Chronograph von 354« anfertigte. Diese prachtvolle Handschrift enthielt die ersten ganzseitigen Buchillustrationen – ein Beispiel sehen wir hier.

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Das Kalenderblatt des Monats November zeigt überraschenderweise eine durch und durch »heidnische« Szene: Ein kahlgeschorener Priester der Isis steht mit einem kultischen Musikinstrument – dem Sistrum – und einem Tablett mit einer lebenden Schlange in den Händen vor einem Schrein des ägyptischen Gottes Anubis. Einen solchen Schrein, den der Maler zu seinen Lebzeiten noch vor Augen gehabt haben muss, kennen wir zum Beispiel aus dem Grab des Tutanchamun – der ganze 1600 Jahre vor unserem Maler im Tal der Könige bestattet worden ist.

Warum aber wählt Filocalus ein solches Bildnis, um den Monat November zu charakterisieren? Anubis ist jener Gott, der im alten Ägypten für den Kontakt mit dem Jenseits steht. Er ist es, der den Verstorbenen bei der Hand nimmt, um ihn vor das Totengericht zu führen und der ihm letztlich den Weg ins nachtodliche Leben weist. Der Monat November ist für unseren römischen Maler also bereits ein Monat, der charakteristisch für die Verbindung der diesseitigen und der jenseitigen Welt ist – wie es heute durch die Feste »Allerheiligen« bzw. »Allerseelen« bei uns üblich ist. Das ist umso überraschender, als Allerheiligen, bei dem auch den eigenen Verstorbenen gedacht wird, erst seit dem 9. Jahrhundert auf den 1. November fällt.

Heute, am Vorabend von »Halloween«, wird nicht nur durch Bilder wie das des Filocalus klar, wie stark sich gerade in Festen wie diesen heidnisches, christliches und kapitalistisches Gedankengut überlagert hat. Die Verbindung zum Jenseits, das Gedenken an die Toten, die Angst vor Geistern und Dämonen, die Lust an der Verkleidung – all das hat in unseren Tagen zu einer weltweiten Verbreitung des ursprünglich irischen und zuletzt amerikanischen Halloween-Fests geführt.

Wen der Priester der Isis aus dem alten römischen Buch im November 354 beschworen hat, können wir nicht mehr rekonstruieren. Eins aber steht fest: Diese sensible Zeit des Jahres nicht nur für Kostümparties, sondern auch für das Gedenken an unsere verstorbenen Lieben zu verwenden, wird kaum schaden; ob Sie nun Anubis oder Erzengel Michael anrufen, bleibt freilich Ihnen überlassen. Unserem alten Maler zufolge scheinen beide Hand in Hand zu arbeiten.

Zur Feier dieser Zeit, an denen das Tor zwischen Dies- und Jenseits traditionell offen zu stehen scheint, widmen wir uns heute dem Thema „Unsterblichkeit der Seele“. An die Stelle von Gruselgeschichten und Horrorstories setzen wir einen Abriss über ein noch viel packenderes Kapitel menschlicher Annäherung an das Thema Tod: Den Versuch der Parapsychologie, dem Rätsel der Unsterblichkeit auf die Spur zu kommen – jenseits von Mythen, Legenden und Ammenmärchen.

 

Der Tod – Ende oder Neubeginn?

Der Berliner Kulturgeschichtler THOMAS MACHO bringt es in seinem Artikel »Tod und Trauer« auf den Punkt: »Der Status des Toten ist paradox. Er verkörpert die Anwesenheit eines Abwesenden.« Ist es da ein Wunder, dass der Tod bzw. das Wissen um die eigene Sterblichkeit in jeder menschlichen Kultur ein Tabu – wie ein Faszinosum – gewesen ist? VOLTAIRE († 1778), der Vordenker der Aufklärung, definierte den Menschen einst als das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird. Doch was macht dieses Wissen mit dem Menschen? Beflügelt es ihn? Ängstigt es, verändert es ihn? Und, um zum Kern jener Frage vorzudringen, die Religion und Esoterik von Philosophie und Soziologie unterscheidet: Was ist dran an den Informationen, die der Mensch, geblendet und angezogen zugleich von dieser wichtigsten aller Fragen, über das »Totsein« bisher zusammengetragen hat?

Jede Kultur, von der Steinzeit bis zum New Age, hat sich ihre eigenen Gedanken über das Ende des irdischen Lebens gemacht. Gedanken, die für das Weltbild, aber auch für das konkrete Verhalten und die Ethik einer jeden Gesellschaft prägend sind. Der Glaube an ein Jenseits ist vielleicht die älteste Form von Religion überhaupt. Die Vorstellung hingegen, mit dem physischen Tod sei auch die Persönlichkeit unwiderruflich Vergangenheit, ist relativ jung und zeitlich mit dem Aufblühen der modernen Wissenschaften verbunden. Ist »Jenseits« also etwas Altmodisches, wie die Gegner eines Fortlebens der »Seele« so gerne ins Felde führen? Der unsinnige Versuch verzweifelter Menschen, die ihre eigene Auslöschung nicht akzeptieren wollen?

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Etwa zeitgleich mit dem Tod der Seele in den Naturwissenschaften entstand – dem Gesetz der Gegenbewegung entsprechend – eine neue Wissenschaft, die sich selbst »Lehre von der Seele« nennen sollte: die Psychologie. Im Gegensatz zur Theologie nicht darauf ausgelegt, letzte Fragen zu klären, konzentrierte sich diese »Seelenlehre« rasch auf ganz praktische Zusammenhänge zwischen Erlebtem und Identität, zwischen psychischer Krankheit und Heilung durch biographische Ursachenforschung, ohne jedoch Aussagen über die Existenz einer vom Körper unabhängigen »Seele« zu machen. »Psyche« und »seelische Organisation« sind hier bloße Modelle bzw. Kürzel für etwas, das imaginär sein kann oder auch nicht.

Wie viele andere Naturwissenschaften erlebten auch die Psychologie und die Medizin im zeitlichen Umfeld der Hippie-Bewegung Ende der 60er bzw. Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts einen geradezu »anti-materialistischen Schub«. Das große öffentliche Interesse an spirituellen und philosophischen Fragen sowie die Lust, gesellschaftliche Konventionen in Frage zu stellen, prägte eine ganze Generation aufgeschlossener Wissenschaftler, die sich wagten, auch Grenzgebiete, die bisher als fragwürdig oder wenig interessant gegolten hatten, in ihre Untersuchungen mit einzubeziehen. Einige Beispiele haben wir im Rahmen dieser Serie bereits kennengelernt.

Heute wollen wir uns auf die Entdeckungen eines Mannes konzentrieren, dem es zu verdanken ist, dass nicht nur die Existenz der Seele, sondern auch Tod und Sterben erneut zu einem wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand geworden sind. Die Rede ist von dem Mediziner und Psychologen RAYMOND A. MOODY, dessen Veröffentlichungen zum Thema »Nahtoderfahrungen« ab Mitte der 1970er Jahre vermutlich mehr Menschen in ihrem Glauben und in ihrer Haltung dem Leben gegenüber beeinflussten als so manche seelsorgerische Kirche oder Sekte.

 

Was ist eine Nahtoderfahrung?

Mit dem Begriff »Nahtoderfahrung« (englisch: »Near Death Experience«) fasst MOODY zwei im Grunde sehr unterschiedliche Erfahrungen zusammen: Menschen, die angeben, dem Tod nah gewesen zu sein – und solche, die behaupten, den eigenen Tod überlebt zu haben. MOODY, der sich schon während seines Studiums mit diesem Phänomen beschäftigt hatte, gilt als erster systematischer Bearbeiter einer Gattung von Berichten, die an sich so alt wie die menschliche Kultur ist. Mit wissenschaftlichem Ernst zeichnete er Gespräche mit Patienten auf, verglich die gewonnenen Aussagen und systematisierte die sich wiederholenden Elemente. Ohne eine Aussage über ein Fortbestehen der Seele nach dem Tod treffen zu wollen oder zu können, sprach er sich in seinem bahnbrechenden Werk »Leben nach dem Tod« (englisch: »Life after Life«) ausdrücklich dafür aus, dass das, was er als Nahtoderfahrung definiert hatte, weder auf Einbildung noch auf Betrug basiere, sondern auf realen menschlichen Erlebnissen.

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MOODY gilt als der Wegbereiter einer Reihe von Ärzten und Biologen, die sich mit den Berichten Reanimierter (also nach dem klinischen Tod wiederbelebter Patienten) beschäftigt. Ermöglicht werden diese Einblicke in den Vorgang des Sterbens durch die immer bessere medizinische Versorgung, die viele Patienten nicht nur ihren Herzstillstand, sondern manchmal sogar ihren Hirntod überleben lässt. MOODY fiel auf, dass sich in den von ihm gesammelten Berichten von 150 Patienten bestimmte Elemente immer wieder wiederholten:

  1. Hören von Geräuschen (wie Summen)
  2. Gefühl von Frieden und Schmerzfreiheit
  3. Außerkörperliche Erfahrungen
  4. Gefühl einer Reise durch einen Tunnel
  5. Gefühl eines Flugs in den Himmel
  6. Sehen von Geistern/toten Angehörigen
  7. Treffen eines spirituellen Wesens
  8. Lebensrückschau
  9. Gefühl eines Unwillens, ins Leben zurückzukehren

Alle seither durchgeführten Untersuchungen und Patientenberichte weisen einen oder mehrere der oben geschilderten Erfahrungen auf und zwar unabhängig vom Alter, der Herkunft, des Geschlechts, der Bildung und der Religion des Betroffenen. Gerade der letzte Punkt ist bemerkenswert, haben wir doch mit dem Tod und dem Jenseits zwei Themen vor uns, die explizit Gegenstand religiöser und kultureller Bildung sind. Umso verwunderlicher mutet es an, dass die Erfahrungen, die in der Sphäre »zwischen Himmel und Erde« gemacht werden, nicht deutlicher von der religiösen Erwartungshaltung der Sterbenden geprägt sind.

Zwar gibt die Religionswissenschaftlerin CAROL ZALESKI zu bedenken, dass viele der aufgezeichneten Fälle von Nahtoderfahrungen von christlichen oder christlich geprägten Forschern aufgezeichnet worden sind und keineswegs einem so komplett multikulturellen Umfeld entstammen, wie es gelegentlich den Eindruck macht, doch Christus, Gott oder das Jüngste Gericht spielen deshalb noch lange keine herausragende Rolle in den Visionen der Verstorbenen. Im Gegenteil: »In den meisten Nahtoderfahrungen ist gerade die Abwesenheit einer höheren Instanz, die über Gut und Böse richtet, bezeichnend.« (WALTER VON LUCADOU) Stattdessen, so MOODY, wird der Verstorbene meist dazu aufgefordert, sein Leben selbst beurteilen.

Betrachten wir die geschilderten typischen Elemente einer Nahtoderfahrung, so bleibt festzuhalten: ohne explizit religiöse Vorstellungen zu bestätigen, ist ihre Erlebniswelt doch insgesamt gut mit den moralischen und philosophischen Grundsätzen fast aller Religionen vereinbar. Ihre zentrale Aussage lautet: Der Mensch besteht nicht aus seinem Körper allein, sondern besitzt eine unsterbliche Substanz, die den physischen Tod überdauert. Dieser »Geistkörper« besitzt eine enge Verbindung zu einer Art göttlichem bzw. überirdischem Licht und wird im wie auch immer gearteten »Jenseits« von bereits verstorbenen (meist verwandten) »Geistwesen« erwartet. Auch die Gefühle von Liebe und Mitgefühl, Verständnis und Vertrauen gehen völlig konform mit dem, was alle religiösen Schriften als charakteristisch für die göttliche Sphäre bezeichnen.

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Der vielleicht wichtigste Punkt, die Lebensrückschau, scheint zudem die ethischen Grundsätze zu bestätigen, die als universell gelten dürften: Mord, Lüge, Hass und Unachtsamkeit werden in diesen Eigenbewertungen – wie in den Dogmen der Religionen – als schmerzhafte und bedauerliche Vergehen wahrgenommen. Hier setzt jedoch zugleich auch der größte Unterschied zu vielen Religionen ein: Statt zur Strafe für seine »Sünden« verurteilt, gemartert und verdammt zu werden, scheint sich der Verstorbene durch sein Verständnis und seine Einsicht in die Zusammenhänge seiner Handlungen mit dem Erleben seiner Mitmenschen selbst zu läutern. Da Nahtoderfahrungen notwendigerweise stets im Foyer des Jenseits enden, sei jedoch fairerweise darauf hingewiesen, dass weiterführende Konsequenzen »schlechten Betragens« auf der Erde nicht notwendigerweise auch für spätere Stufen des Jenseits ausgeschlossen werden können.

Das prägendste Element einer Nahtoderfahrung kristallisiert sich meist jedoch erst im Anschluss an die eigentliche Erfahrung heraus: die Persönlichkeitsveränderung. Fast alle Wiederkehrenden berichten noch nach Jahren davon, dass sich ihr Leben elementar verändert hat. Wie BERNARD JAKOBY in seinem Grundlagenbuch »Wir sterben nie« vermerkt: »Sie sind nicht mehr die Menschen, die sie vorher waren, und wissen aus eigener Anschauung, dass der Tod nicht existiert.«

Menschen mit Nahtoderfahrung legen in der Regel nicht nur eine größere Wertschätzung für das alltägliche Leben an den Tag. Unzählige Beispiele illustrieren, wie materielles Denken an Bedeutung verliert und im Gegenzug ein auffallendes Interesse an spirituellen und philosophischen Fragen entsteht. Nicht wenige Betroffene entwickeln während dieses Selbstfindungsprozesses, der nach PIM VAN LOMMEL bis zu sieben Jahren dauern kann, sogar spirituelle Fähigkeiten. Eine Patientin berichtet (zitiert nach JAKOBY): »Ich weiß nun, dass Gott wirklich existiert und dass ich in meinem Leben geführt werde. Ich habe jegliche Angst vor dem Tod verloren.«

Die Angst vor dem Tod zu verlieren, da man den Tod bereits schon einmal überlebt hat, ist in der Religionsgeschichte keine ganz unbekannte Vorstellung. Im antiken Griechenland und in Rom existierten Kulte, die Mysterien genannt wurden. Berühmt waren die Demeter-Mysterien von Eleusis oder auch die Mysterien des Dionysos. Ihr Ziel war es, den Gläubigen durch eine erschütternde persönliche Erfahrung von der Unwirklichkeit des Todes und der Obhut eines göttlichen Führers zu überzeugen. Die wohl berühmteste Schilderung der an sich streng geheimen Vorgänge verdanken wir dem römischen Schriftsteller APULEIUS, dessen Protagonist Lucius seine Einweihung in die Isis-Mysterien wie folgt beschreibt: »Ich kam an die Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich übertrat in der Unterwelt die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich wieder zurück. Zur Mitternacht sah ich die Sonne in hellem Glanze strahlen.«

MOODYS Ergebnisse bildeten, gemeinsam mit dem Schaffen der Psychiaterin ELISABETH KÜBLER-ROSS, die 1969 ihr Grundlagenwerk »Tod und Sterben« herausgab und sich auf die Sterbebegleitung spezialisierte, den Beginn einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Tod, der heute unter dem Begriff »Thanatologie« bekannt ist (von griechisch »ho thánatos«: der Tod). Ein weiterer Zweig dieser Sterbeforschung ist die Hospizbewegung, die ebenfalls Ende der 60er Jahre durch KÜBLER-ROSS wie durch die Tätigkeit der Ärztin und Sozialarbeiterin CICELY SAUNDER angeregt wurde und die dem Sterbenden in einer liebevollen und respektvollen Umgebung ein möglichst schmerz- und angstfreies Lebensende ermöglichen soll.

 

Kritik und Widerspruch

Wie viele Bewegungen, die ihren Anfang in der Tätigkeit unkonventioneller Forscher nahmen, bewegten sich die akademische Wissenschaft und parawissenschaftliche Untersuchungen im Laufe der 80er und 90er Jahre wieder auseinander. Heute gelten die Forschungen von MOODY und Co erneut als umstritten und werden von vielen Medizinern dem Bereich der Esoterik zugeordet. Eine der ersten kritischen Stimmen gehört einer Wissenschaftlerin, die sich im Verständnis der akademischen Forschung vom Saulus zum Paulus wandelte: SUSAN BLACKMORE, die nach einem eigenen Nahtoderlebnis auf dem Gebiet der Sterbeforschung tätig wurde, änderte im Laufe ihrer Beschäftigung mit MOODYS Ergebnissen ihre Meinung grundlegend: Nicht jenseitige Realitäten, sondern Sauerstoffmangel sei die Ursache für die Nahtoderfahrungen, die sie heute als »dumme Ideen des Gehirns« bezeichnet.

Sie steht am Beginn einer Art Gegenbewegung zum als spirituell verrufenen Modell von MOODY, welche abwechselnd Medikamente, Psychopharmaka, Reaktionen des limbischen Systems, körpereigene Endorphine oder die Folgen der »sensorischen Deprivation« zur (Weg)erklärung der geschilderten Phänomene ins Felde führt. Auch von psychologischer Seite regte sich mit den Veröffentlichungen von R. C. A. HUNTER oder RUSSELL NOYES JR. Widerstand. Der Glaube an einen drohenden Tod sei bereits ausreichend, um Nahtoderlebnisse auszulösen, deren wohlige Gefühle einen letzten Verteidigungsmechanismus der Psyche darstellten. Und wieder stehen sich allein durch die Deutung der von beiden Seiten akzeptierten Nahtod-Phänomene die alten Feinde, Skeptiker und Gläubige, Materialisten wie Spiritisten, gegenüber.

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Doch wie CAROL ZALESKI in ihrem Standardwerk »Nah-Todeserlebnisse und Jenseitsvisionen« so treffend formuliert hat, gibt es »für jeden pathologischen Zustand, der angeblich Nah-Todesvisionen verursacht, Gegenbeispiele von Menschen, die nachweislich nicht davon beeinflusst waren.« Sie fährt fort: »Nah-Todeserfahrungen mit ihrer bewusstseinserweiternden Qualität und ihren transformierenden Effekten haben wenig Ähnlichkeit mit der reduzierten, leblosen Welt der Depersonalisation.«

Der niederländische Kardiologe und Wissenschaftler PIM VAN LOMMEL, dessen Buch »Endloses Bewusstsein« neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung beisteuerte, hat es aufgegeben, Kritiker, die auf der halluzinatorischen Erklärung bestehen, mit sogenannten »Beweisen« zu überzeugen. Mehr als 95 Prozent seiner Kollegen seien auch jetzt noch davon überzeugt, dass das Gehirn die Ursache und nicht nur ein Träger der menschlichen Persönlichkeit sei. Den Anstoß zu seinen eigenen Forschungen gab die Enttäuschung eines Patienten über den Umstand, soeben erfolgreich von ihm reanimiert worden zu sein.

»Ich glaube, dass Bewusstsein bereits vor der Geburt eines Menschen existiert und auch nach seinem Tod fortbesteht.« berichtet VAN LOMMEL 2009 in einem Interview dem »Stern«. »Alle Erfahrungen, die jemand im Laufe seines Lebens macht, werden dort gespeichert. Auch die Emotionen und Gedanken anderer Menschen fließen in das endlose Bewusstsein… Über unser Gehirn haben wir Zugang zu jenem Anteil, den wir als unser eigenes Ich erleben. Die Hirnzellen fungieren dabei als eine Art Empfangsmodul des Bewusstseins – ähnlich wie ein Mobiltelefon, das aus den elektromagnetischen Feldern genau jene Anrufe herausfiltert, die für uns bestimmt sind.«

 

Sterben – ein Fall für die Parapsychologie?

Wie der Soziologe HUBERT KNOBLAUCH betont, rücken heute immer mehr Forscher von dem Glauben ab, »Nahtoderfahrungen könnten den Nachweis für die Existenz des Jenseits liefern.« Schließlich ist kein Einziger der klinisch toten Patienten je wirklich auf der anderen Seite des Lichts gewesen. Alles, was wir haben, sind die Schilderungen von Menschen, die kurz vor ihrem endgüligen Tod doch noch gerettet wurden. Nicht umsonst endet jede Nahtoderfahrung mit der Rückkehr der Seele bzw. dem Gefühl, noch gebraucht zu werden oder der Anweisung durch einen verstorbenen Angehörigen, zurück ins Leben zu gehen. Wir haben es also mit einer ganz ähnlichen Situation wie zu Beginn der parapsychologischen Forschung zu tun: Hielt man die in »Seancen« gewonnenen, nachprüfbaren Aussagen anfangs für Belege für die Kommunikation mit Verstorbenen, räumte man später ein, diese auch mit rein innerpsychischen Fähigkeiten (wie Telepathie oder Hellsehen) erklären zu können.

Dass Nahtoderlebnisse nicht nur für Thanatologen, sondern auch für Parapsychologen einen spannenden Untersuchungsgegenstand darstellen, liegt auf der Hand. Fallen doch einige der Phänomene, die MOODY oder VAN LOMMEL berichten, in den Gegenstandsbereich ihrer eigenen Forschung. Wenn ein klinisch toter Patient nach seiner Reanimation weiß, wo der Krankenpfleger während der OP sein Gebiss hingelegt hat, oder Angehörige im Wartesaal beobachtet haben will, so entspricht dies jenem paranormalen Wissenserwerb. Helfen die Erlebnisse von »Verstorbenen« also, nicht nur das Wesen des Tods, sondern zugleich auch das Wesen des Menschen besser zu verstehen?

ZALESKI kommt jedenfalls nach ihrer Darstellung aller Verfechter wie Kritiker der außerkörperlichen Realität zu folgendem Schluss: »Der einzige Aspekt der Nah-Todeserfahrung ohne theoretisches Gegenargument ist der paranormale.« Wer hätte gedacht, dass es Licht, Glück und die tiefe Wandlung einer Persönlichkeit braucht, um ein umstrittenes Phänomen wie die »Außersinnliche Wahrnehmung« im direkten Vergleich realistisch erscheinen zu lassen.

 

Titelbild: geralt

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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