„Mama, das darfst Du nicht, da ist Zucker drin!“ Ein erhobener Zeigefinger und ein äußerst streng dreinblickendes dreieinhalbjähriges Mädchen wenden sich oberlehrerhaft in meine Richtung. „Stimmt“, erwidere ich zu gleichen Teilen amüsiert und kleinlaut, meine Tochter hatte Recht. Wie ich „das mit der Familie vereinbare“, wurde ich in den letzten Wochen oft gefragt. Was „mein Kind dazu sagt“ und ob ich – gewagt, gewagt – „meine Familie mit in die Diät einbeziehe“. Die Antwort ist kurz, ich sage sie gleich: Ich habe von Anfang an alles falsch gemacht.

Laut meiner Zuckerfrei-Päpstin Sarah Wilson sollte man das Weglassen des Zuckers den Kindern gegenüber gar nicht groß erwähnen. Ich habe das genaue Gegenteil praktiziert und lang und breit am Tisch darüber referiert, dass ich ja jetzt übrigens alles, was süß ist, nicht mehr essen darf, weil „Mama davon Bauchweh bekommt und nicht richtig auf Klo gehen kann.“ Ergebnis: Zu jeder Gelegenheit bringt meine Tochter ihr neues Wissen über meinen Darmtrakt an die Frau bzw. an den Mann: „Mama kriegt Durchfall von Obst und allem, was lecker schmeckt.“ Wunderbar, alle wissen Bescheid.

Zweiter Fehler: Ich war davon ausgegangen, dass meine neuen Essgewohnheiten irgendwie eine Zusatzbelastung für die Familie darstellen und ich jetzt eine „Extrawurst“ brauchte, die ich erst einmal für mich koche und dann, wenn sie ausreichend vorgekostet und mindestens dreimal angewendet ist, erst dann, in den gemeinsamen Speiseplan aufgenommen wird. Anstatt ein lustiges Experiment daraus zu machen, dass eventuell etwas von den neuen Gerichten auch einmal etwas komisch oder – oh Gott, oh Gott – nicht so lecker ist, wie ich es angekündigt hatte, testete ich die Gerichte vor, bevor ich meine Familie mit den neuen Speisen konfrontierte. Ziemlich verkrampft also und für ein Kind das Signal: „Mit diesem Gericht kann etwas nicht stimmen, esse ich also nicht.“

Dritter Fehler: Ich machte mir Vorwürfe, dass ich meinem Kind keine„vernünftigen Essgewohnheiten“ beigebracht hatte. Unsere Tochter ist von Anfang an eine schlechte Esserin gewesen. Einen genüßlich schmatzenden Säugling kenne ich ebenso wenig wie ein mit Beikost spielendes Kind, das die mühsam auf dem Markt zusammengesuchten Bio-Pastinaken mit dem Möhrenbrei verschmiert und glücklich in sich hinein stopft. Das einzige was schon immer ging: Obst, Nüsse, Rosinen – also alles, was süß ist, lange, bevor sie das erste Eis oder den ersten Schokokeks von uns überreicht bekam.

Damals habe ich mich lang mit den Essgewohnheiten von Kleinkindern beschäftigt. Kinder, – und das ist wirklich mal wieder sehr schlau von der Natur eingerichtet – die essen lernen, sortieren nach dem Prinzip: Was kann vergammelt oder schlecht sein? Das esse ich nicht. Der Geschmack „süß“ ist in der Natur (außer eventuell vergorene Früchte) selten mit „verdorben“ konnotiert. Giftige Beeren schmecken sauer oder bitter, salzig ist sowieso selten etwas. Abgesehen davon, dass auch die Muttermilch, also der erste Geschmacksstoff außerhalb des Mutterbauches überhaupt, süß ist, essen Kinder also erstmal das, was ihnen „am sichersten“ erscheint. Und das gerne immer und immer und immer wieder. Sicher ist sicher. Bis zu fünfzehn Mal, so Experten, muss man einem Kleinkind ein neues Gericht anbieten, bevor es als „lecker“ durchgehen kann. Dass ich diese Erkenntnis, die mir damals wirklich sehr geholfen hat, über den Frust meines am Essen gänzlich uninteressierten Babys hinwegzukommen, wieder in Frage gestellt habe, war ein weiterer Fehler.

Wie geht es uns nun zuhause mit meinen neuen Essgewohnheiten? Da, wo ich kann, schmuggele ich tatsächlich statt Honig Reissirup auf den Toast. Ich biete meine zuckerfreie, selbstgemachte Marmelade an, ich biete mein Brot an, ich biete meinen selbstgemachten Frischkäse an. Wird alles wenig angenommen. Aber: Das selbstgemachte Kokoseis aus Kokosmilch, Vanilleschoten und Chiasamen kam beispielsweise gut an. Und auch die Gerichte, die durch die strenge „Das-sieht-komisch-aus-will-ich-aber-ohne-diese-ganz kleinen-Punkte-da-in-der-Soße“-Kontrolle gehen, kommen vor. Immerhin, ein Anfang. Und neulich habe ich mit meiner Tochter zusammen einen richtigen, echten, unfassbar süßen und köstlichen Carrot-Cake im Café geteilt. Denn das gehört auch dazu, wenn man Kinder hat (und selbstverständlich auch sonst): Solange man nicht wirklich eine Allergie hat, darf man auch mal Ausnahmen machen. Aber nur mit erhobenem Zeigefinger.

 

Lieblingsrezept dieser Woche:

Buchweizen-Pancakes
Dieses Rezept stammt aus dem Blog von Frau Janik. Guten Appetit!

 

Bilder: 1782376 / 43 Bilder (Titel); Cosima Grohmann

 

Alle Teile von „My Sugarfree Diary“ hier auf #seinsart:

Teil 1  |  Mein aufgeblasener Luftballon
Teil 2  |  Kalter Entzug! Meine erste Woche ohne Zucker und Gluten
Teil 3  |  Auf dem Weg ins Reich der Chiasamen
Teil 4 | Achtung, Fallen! Zuckerfrei leben mit Kindern

 

Mehr seinsart mit Kindern:

Wenn mein Kind mal wieder eine neue Mama kaufen will  |  Es ist nicht leicht, drei zu sein


Mein Therapeut sagt, Nazis sind Scheiße! |  Von Mamas und Kindern im Prenzlauer Berg

Written by Cosima M. Grohmann

Cosima M. Grohmann hat Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte studiert und arbeitet als Redakteurin in einer Berliner Agentur. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für den Tagesspiegel, die zitty, die Frankfurter Rundschau und fluter.de zu Themen, die das Leben schöner machen und besser aussehen lassen.

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