Sieben Jahre ist es her, dass die Welt für einen Moment den Atem anhielt – der „arabische Frühling“, ausgebrochen in Tunesien, erreichte am 25. Januar 2011 das größte arabische Land – Ägypten. Anlässlich des 7. Jahrestags der ägyptischen Revolution erinnert seinsart an eine außergewöhnliche und hoffnungsvolle Zeit, in der nicht nur im Nahen Osten plötzlich alles möglich schien. Unser Chefredakteur war damals vor Ort und berichtete regelmäßig von den sich überschlagenden Ereignissen in Kairo und Alexandria. 7 Beiträge aus den Jahren 2011 bis 2013 erinnern eine Woche lang stellvertretend an etwas, das auf den ersten Blick wie eine Revolution aussah.

 

30. Januar 2011: Kein Fest für den Pharao | Ein Gespenst geht um in Ägypten – das Gespenst des Hosni Mubarak. Der greise Pharao ist längst angezählt, doch noch wehrt er sich gegen das Unvemeidliche. Der Widerstand im Land hat sein Konterfei schon vor Tagen von den Straßenrändern auf seine Pappschilder verbannt. Fette rote Striche durchkreuzen nun sein Lächeln wie seine Pläne: das Land am Nil um jeden Preis in der Familie zu halten. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben,“ möchte man ihm beinahe mitleidig ins Ohr flüstern. Wären da nicht die Toten und die Ängstlichen, die allein der Starrsinn des Präsidenten auf dem Gewissen hat und die jedes Mitgefühl verbieten. (Zum Artikel)


18. Februar 2011: Der Ferne WestenTag 7 nach der Ära Mubarak. Noch immer drängen Nachrichten aus Ägypten auf die ersten Seiten der deutschen Presse. Doch der Ton hat sich verändert, längst sind es wieder die „kritischen Stimmen“, die die Deutungshoheit über die Ereignisse im Nahen Osten zurückzuerobern versuchen. Man könnte auch sagen: der immer gleiche Tonfall aus Kleinmut, Skepsis und falscher Empörung. Warum gelingt es uns nicht, die Revolution zu Ende zu denken? Ich behaupte: Nicht, weil die Ereignisse am Nil dies erforderten, sondern weil wir uns selbst das Träumen längst abgewöhnt haben. Längst vergessen der historische Satz von Che Guevara, ohne den keine Revolte, kein Umsturz, ja nicht einmal eine Mondlandung möglich gewesen wäre: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!“ (Zum Artikel)


23. März 2011: Ein Kilo Kebap | Mit 77,2% zu 22,8% haben sich die Ägypter bei ihren ersten freien Wahlen klar zu den geplanten Verfassungsänderungen bekannt. An der demokratischen Legitimität dieses Ergebnisses bestehen jedoch Zweifel: Gerade mal 41% der wahlberechtigten Ägypter (18 Mio.) nutzen die Gelegenheit, ihre politische Meinung kundzutun. Und: Nicht die Revolutionäre haben sich durchgesetzt – sondern die restaurativen Kräfte. (Zum Artikel)


18. April 2011: RevolutionsdefizitWährend Revolutionen die Absicht verfolgen, Althergebrachtes möglichst weit hinter sich zu lassen, bringen sie nicht selten neue Zusammenhänge ans Licht, mit denen zunächst niemand gerechnet hätte. Bedenken wir die Denkmälerdichte Ägyptens, verwundert es kaum, dass eine dieser neuen Allianzen den Namen „Kunst und Gewalt“ trägt. Denn nirgends anders als im hochehrwürdigen Nationalmuseum fanden in den letzten Wochen jene Folterungen statt, die jetzt die Gemüter der jungen Revolutionäre erhitzen. (Zum Artikel)


25. Januar 2012: Kein Grund zu feiernDie Franzosen feiern den Jahrestag ihrer Revolution nicht nur mit Feuerwerk und ausladenden Bällen, sondern auch mit Militärparaden. Auf marschierende Soldaten haben die ägyptischen Revolutionäre an ihrem ersten Jahrestag vermutlich keine Lust. Zum einen, weil man dort schon genug Ärger mit regierenden Soldaten hat. Zum anderen, weil derzeit höchstens Letztere in Feierlaune sein dürften. (Zum Artikel)


29. Juli 2013: Die Verlagerung der Ohnmacht | Wer diesen Monat die Nachrichten über Ägypten verfolgt hat, konnte durchaus zu dem Eindruck gelangen, durch die Berichterstattung eher verwirrt denn aufgeklärt zu werden. Nun will ich nicht behaupten, dass die Gemengelage vor Ort einfach zu entwirren wäre – noch dazu für einen Journalisten aus dem europäischen Ausland. Es ist aber doch bemerkenswert, wie wenig das, was an Ereignissen täglich kolportiert wird, auch eine Reflexion erfährt, die ihrer historischen und politischen Tragweite gerecht wird. (Zum Artikel)


4. November 2013: Die Rückkehr des Pharao | Ägypten, so scheint es, hat in der Tat eine 5000 Jahre alte Tradition: Der Wunsch nach einem Pharao, einem gütigen Patrioten mit eiserner Hand, scheint stärker zu sein als der Wunsch nach einer modernen und pluralistischen Gesellschaft mit jenen Idealen, die der arabische Frühling einst so vehement gefordert hatte. Folterung, Meinungsmonopol des Staates, Armut? Geschenkt! Oder wie ist es zu verstehen, wenn sich die heutigen politischen Alternativen auf fundamentalistische Religiöse oder die nicht weniger militanten Sisi-Groupies verengt zu haben scheinen? (Zum Artikel)

 

Bild: Jonathan Rashad (CC BY 2.0)