Täglich gibt es Dutzende Einladungen auf Facebook, welche neuen Aktionen man liken und sharen sollte. Viele davon sind zugegebenermaßen sehr unterhaltsam – und meistens auch genauso oberflächlich. Umso schöner, wenn zwischendurch tatsächlich etwas dabei ist, was zum Nachdenken anregt – und das Leben sogar ein klein wenig schöner machen kann. 100 Happy Days scheint so ein seltener Fall zu sein. Bereits mit der Überschrift ist zum einen Interesse geweckt und der Marketingeffekt erfüllt. Zusätzlich trifft er aber auch den Kern der Aktion: „Kannst Du 100 Tage am Stück glücklich sein?“ wird hier gefragt.

Die Reaktionen hierauf könnten vermutlich nicht unterschiedlicher ausfallen – jeder Einzelne hat zwangsläufig seine eigene Sichtweise. Statistisch gesehen sieht dies aber so aus: 71% aller Leute, die sich auf das Experiment eingelassen haben, haben es nicht beendet – so die Webseite von 100 Happy Days. Kann es tatsächlich so schwer sein, etwas mehr als drei Monate täglich ein Foto von dem zu machen, was einem den Tag erhellt? Ist tatsächlich keine Zeit, um glücklich zu sein?

Dies gilt es herauszufinden. Vermutlich ist ein wöchentlicher Bericht, ohne zu sehr in Wiederholungen zu schwelgen, die größere Herausforderung. Die Bedingungen sind denkbar einfach: Jeden Tag muss ein aktuelles Fotos auf einer Internetplattform seiner Wahl – Instagram, Facebook oder Twitter – veröffentlicht und mit #100happydays versehen werden. Wem dies zu transparent ist, der hat die Möglichkeit, Fotos direkt an die Veranstalter zu senden oder einen personalisierten Hashtag verwenden, den er diesen allerdings mitteilen muss.

Ein erhöhter Grad Komplimente und Liebe

Das Schöne an dieser Aktion ist die unschuldige Intention der non-profit Organisation: die Menschen ein wenig glücklicher zu machen. Der Aufruf wird deutlich als kein Wettbewerb ausgewiesen, die Auswahl der Fotos solle nicht auf Dritte abgestimmt werden – weder um zu beeindrucken, noch um zu gefallen. Die Verwendung von Fotos anderer Tage oder andere Manipulationen kann als Betrug an sich selbst gesehen werden.

Und das funktioniert? Laut Initiatoren gibt es unter den erfolgreichen Absolventen Resultate, die dem Sinn der Aktion durchaus entsprechen. Sie schaffe eine stärkere Wahrnehmung der schönen Dinge eines jeden Tages und verbessere so die generelle Laune oder stimuliere den Optimismus. Als weitere Effekte wird ein erhöhter Grad von Komplimenten und… Verlieben während des Zeitraums angegeben.

Betrachtet man diese Effekte, kann man Happy Days fast als Hilfe zur Selbsthilfe verstehen. Das Glück wird als streng persönliche Angelegenheit betrachtet, die jeder Teilnehmer mittels seiner eigenen Ressourcen angehen muss. Die bestenfalls erwirkten Effekte sind vor allem eine veränderte Wahrnehmung der Umwelt und eine daraus resultierende bessere Einstellung. Dies wiederum kann dazu führen, eine positivere Resonanz von seinen Mitmenschen zu bekommen. Der eigentliche Impuls aber kommt von innen.

Vor dem Beginn sollte allerdings keine Erwartungshaltung an das Projekt gestellt werden. Die genannten Resultate können zwar auftreten – aber selbstverständlich nicht garantiert werden.

Das Bedürfnis nach persönlicher Erfüllung scheint groß zu sein. Der Durchschnittsbürger ist ständig umgeben von der direkten oder indirekten Konfrontation damit: Die Lotterie verspricht die finanziellen Mittel, der perfekte Job das passende Umfeld und Reisen in die weite Welt den richtigen Weg, um es zu finden. Von arm bis reich, von berufsorientiert bis hin zu spirituell getrieben – der Glückszug holt jeden an einer anderen Station ab. Gemeinsam ist ihnen allen jedoch die Suche.

Von arm bis reich, von berufsorientiert bis hin zu spirituell getrieben – der Glückszug holt jeden an einer anderen Station ab.

Die Thematik bietet demnach ein gewaltiges Potenzial, Menschen zu erreichen. Und sich an ihnen zu bereichern. Die Konsumgesellschaft, in welcher man – bis auf sehr wenige, radikale Ausnahmen – so perfekt integriert ist, baut darauf auf. Das Glück steckt überall: Luxuriöse Automarken und edle Klamotten suggerieren durch lachende Menschen auf Plakatwänden genauso Happiness wie Yoga oder gesunde, trendige Lebensstile, die von Magazinen als Wege zum perfekten Leben angepriesen werden. Das eigentliche Produkt, abgesehen vom „Transportprodukt“, ist das Glück. Jeder will es, jeder versucht, es in seiner eigenen Preisklasse kurz- oder langfristig zu erwerben. Diese Wege mögen in ihrer Effizienz oder in ihren Folgen variieren: Wer bei Meditation und veganem Lebensstil sucht, wird mit weniger gesundheitlichen Folgen zu rechnen haben als derjenige, der im Alkohol sucht. Auf der Grundebene ist jedoch kein Unterschied auszumachen.

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Gelegenheit für streng subjektive Glücksmomente

Selbst auf nicht kommerzieller Seite ist das Glück ein Umschlagsort für Geld, um zurück zu den Happy Days zu kommen: Mittels der Crowdfunding Seite Indigogo versuchen die Verantwortlichen, 5.000,00 USD für ihr Projekt „Happiness Inside“ zu bekommen. 58% Prozent davon haben sie bereits zusammen bekommen. Das Prinzip ist eine konsequente Weiterentwicklung der Onlinekampagne. Der Weg zum Glück ist, mehr davon zu tun, was einen glücklich macht. Je nach den persönlichen Highlights wird demnach eine individuelle Box mit Überraschungen zusammengestellt, die dem Empfänger helfen sollen, jeden Tag ein wenig intensiver und erfüllter zu leben.

Eine schöne Variante davon gibt es dank dem „Pay it forward“-Prinzip: Hierbei werden gedruckte Fotos an eine vollkommen fremde Person gesponsert. Man selbst fällt dabei in den Pool an möglichen Rezipienten – und bekommt womöglich von jemand anderem seinen eigenen Umschlag mit Ausdrucken. Laut Verantwortlichen ist die Anzahl an Idealisten mit 121.569 Spendern zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels durchaus sehenswert.

Der virale Erfolg spiegelt ein großes Interesse der Onlinecommunity am Glücklichsein: 1,8 Millionen mal wurde die Aktion auf Twitter und Facebook geteilt, Instagram listet zum heutigen Stand 22.827.984 Beiträge unter #100happydays – wobei mehrere tausend Bilder unter Varianten des Hashtags nicht inbegriffen sind!

Für den Selbstversuch wurde eigens das Instagram Profil „seinsartmagazin“ erschaffen, auf welchem nun – hoffentlich – einhundert Tage lang streng subjektive Glücksmomente zu diesen bereits veröffentlichten Fotos hinzugefügt werden.

Was ist von dieser Serie zu erwarten? Sie soll der Anlass sein für eine wöchentliche Auseinandersetzung mit

  1. Studien, Ideen und Eindrücken und
  2. dem eigenen Verständnis von Glück, innerer Ruhe und Zufriedenheit.

Es ist das Annehmen einer Herausforderung, einhundert Tage aufmerksam und achtsam zu sein. Dankbarer für die kleinen Dinge im Leben. Und vielleicht sogar zu lernen, sich die Momente bewusster zu schaffen, die das Leben lebenswerter machen. Anfänglich vielleicht genau dem Sinne der Aktion entgegen: Weil kein Tag ausgelassen werden soll, weil man schicke Fotos schießen will. Aber vielleicht, Schritt für Schritt und Erkenntnis für Erkenntnis, um das abstrakte Prinzip „Glück“ besser zu verstehen. Und es zu nutzen – selbstverständlich für sich selbst, aber auch für andere.

Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten.  (Pearl S. Buck)

Das soll uns nicht passieren. Beginnen wir also diesen November und sehen, welches kleine Glück er Tag für Tag bringt…

seinsart | 100 Happy Days

 

Bilder: White77terimakasih0shekharchopra85ludi

 

Hier geht’s weiter: Eine Woche Happy

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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